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in Mühringen
Mühringen (Stadt
Horb am Neckar, Kreis Freudenstadt)
Texte/Berichte zur jüdischen Geschichte des Ortes
Die nachstehend wiedergegebenen Texte mit
Beiträgen zur jüdischen Geschichte in Mühringen wurden in jüdischen Periodika
gefunden.
Bei Gelegenheit werden weitere Texte eingestellt.
Übersicht zu den Texten:
Aus
der Geschichte des Rabbinates (Bezirksrabbinates) in Mühringen
In Mühringen wirkten folgende Rabbiner:
1.
Frühere Rabbiner (18. bis frühes 19. Jahrhundert)
- Elias Weil (1728 bis 1731 Rabbiner in Mühringen und Umgebung;
geb. in Haigerloch gest. 1731 in
Mühringen): erster bekannter Rabbiner am Ort.
- Nathanael Weil (1745 bis 1750 Rabbiner in Mühringen; geb. 1687 in
Stühlingen, gest. 1769 in
Rastatt, beigesetzt in Karlsruhe): entstammte
einer alten Gelehrtenfamilie; sein Großvater Moses Meier Weil trug den
Titel eines Maharam und hatte sich
1672 in Stühlingen niedergelassen und die dortige Synagoge erbaut: kam mit 10
Jahren nach Fürth, um sich den talmudischen
Studien zu widmen; von dort siedelte er nach Prag über, wo ein reges jüdisches
Geistesleben blühte. Er wurde Schüler des berühmten Leiters der Prager
Talmud-Hochschule, Abraham Brod, dessen Unterricht er 18 Jahre lang in
verschiedenen Städten genoss (Metz, Offenbach, Prag), bis er nach der
Vertreibung der Prager Juden durch Maria Theresia (1744) als Rabbiner nach
Mühringen kam. Nach der Zeit in Mühringen von 1750 bis zu seinem Tod 1769
Rabbiner in Karlsruhe, hochangesehener Oberlandesrabbiner der beiden badischen
Markgrafschaften (Baden-Baden und Baden-Durlach) in Karlsruhe. Nathanael Weil
schrieb einen Kommentar zum Talmud-Kommentar Aschere 'Corvan Nathanael'
(gedruckt 1755 in Karlsruhe), der in den geläufigen Talmud-Ausgaben, auch in der
berühmten Ausgabe von Rom in Wilna, abgedruckt ist:
https://de.wikipedia.org/wiki/Nathanael_Weil.
- Samson Feis, stammte aus
Flehingen.
- David Diespecker (1771 bis 1778 Rabbiner in Mühringen) = Rabbi
(Morenu haRav) David ben Joel Diespeck
Lebensdaten:
1715 Diespeck - 1793
Baiersdorf). David Ben Joel Diespeck
lebte nach seinem Studium in Frankfurt kurze Zeit in
Bruck, bevor er sich mit Rosel Schnaier, der
Tochter Abrahams von Aub und seiner ersten von
drei Ehefrauen, in Fürth niederließ. Rosel starb am 8. April 1742 in Fürth. Um
seine wachsende Familie zu ernähren, handelte er mit Gold und Juwelen. Laut
Rabbiner Adolf Eckstein in seiner 1907 erschienenen 'Geschichte der Juden im
Markgrafentum Bayreuth' erlitt David Diespeck 1767 einen großen finanziellen
Verlust, als er versuchte, jemandem einen Gefallen zu tun und einen Schuldschein
unterzeichnete. Anstatt die Schulden auf irgendeine Weise zu begleichen,
verkaufte er all seinen Besitz und zahlte die Schulden bis auf den letzten
Pfennig zurück. Er zog nach Mühringen, wo er 1771 zum Bezirksrabbiner im
Schwarzwald ernannt wurde. Nachdem er 1778 als Rabbiner der
Begräbnisgesellschaft und Leiter der Talmudschule nach Metz berufen worden war (Vorgängerin
der Ecole Rabbinique in Paris), zog er schließlich 1784 nach
Baiersdorf, wo er bis zum seinem Tod als
Landesrabbiner des Fürstentums Bayreuth mit Sitz in
Baiersdorf tätig war, und u.a. 'Pardes
David', eine Sammlung seiner im Laufe der Jahre gehaltenen Vorträge,
veröffentlichte. David Diespecker wurde auf dem
jüdischen Friedhof von Baiersdorf
beigesetzt.
Literatur: Ilse Vogel: Des Höchsten Liebling, mein Freund. Morenu
haRav R'David Diespeck (1715-1793). Eine Biographie und Familiengeschichte.
Franconia Judaica Band 9. 2015.
- Jacob Samuel Schwabacher (Schwiegersohn von David Diespecker).
Über Jakob Samuel Schwabacher kam es zwischen den Juden des Rabbinatsbezirks
'Im Schwarzwald' zu Streitigkeiten. Schließlich einigten sich die
Hauptkontrahenten Mühringen und Nordstetten
dahin, dass Schwabacher jeweils abwechselnd ½ Jahr in einer der beiden Gemeinden
wohnen sollte.
- Abraham Weil, Enkel von Nathanael Weil (siehe oben), war nur
kurze Zeit in Mühringen.
- Abraham Ries (- 1813 Rabbiner in Mühringen), wurde 1813
nach Lengnau berufen.
Diese Rabbiner prägten Mühringen als eines der wichtigsten jüdischen Zentren
Südwestdeutschlands.
2. Bezirksrabbiner (19. - Anfang 20. Jahrhundert)
Vgl.
https://de.wikipedia.org/wiki/Bezirksrabbinat_Mühringen
Mit der Neuorganisation der jüdischen Gemeinden in Württemberg entstand 1832
als einer der damals gebildeten 13 Bezirksrabbinate in Württemberg das Bezirksrabbinat Mühringen.
Es umfasste die Gemeinden Mühringen,
Rexingen,
Baisingen, Unterschwandorf,
Wankheim,
Nordstetten, später auch Horb und
Tübingen.
Die Amtsinhaber waren:
- Gabriel Adler (1813 bis 1834, ab 1835 Rabbiner in
Oberdorf bis zu seinem Tod 1859) (geb. 1788 Hannover): aus der Frankfurter Rabbiner-Familie
Adler, Sohn des Landesrabbiners Markus Adler in Hannover (1757 Frankfurt - 1834
Hannover), verwandt mit dem Chief Rabbi Dr. Nathan Marcus Adler in London
(1845-1890, vgl.
https://de.wikipedia.org/wiki/Nathan_Marcus_Adler). Der Freiherr
von Münch hatte die Wahl Adlers durch die jüdische Gemeinde Mühringen
angefochten und sein vermeintliches Präsentationsrecht, ohne Erfolg allerdings,
geltend gemacht. Adler unterhielt in Mühringen eine Talmud-Schule. 1821 wurde er
als einziger Rabbiner in die Kommission gewählt, die der württembergischen
Regierung 'Vorschläge zu einem Gesetzentwurf für eine bürgerliche Verbesserung
der israelitischen Glaubensgenossen' unterbreiten sollte. Er setzte im gleichen
Jahr bei den israelitischen Gemeinden des Schwarzwaldkreises die Einführung des
allgemeinen Schulzwanges durch. Nach seiner Zeit in Mühringen wurde er Rabbiner
in Oberdorf; er war zu seiner Zeit
wichtigste rabbinische Autorität der württembergischen Orthodoxie. Vgl. zur
Genealogie
https://www.geni.com/people/Gabriel-Adler-Chief-Rabbi-of-the-Schwarzwald/6000000009256049103
- Dr. Moses Wassermann (1835 bis 1873, danach Bezirksrabbiner in
Stuttgart, gest. 1892): war der erste akademisch-gebildete Mühringer Rabbiner,
als Bezirksrabbiner nach Stuttgart zugleich theologisches Mitglied der
Israelitischen Oberkirchenbehörde mit dem Titel Kirchenrat und dem persönlichen
Adel ausgezeichnet wurde. Zu seiner Biographie vgl. u.a.
https://de.wikipedia.org/wiki/Moses_Wassermann.
- Dr. Jakob Stern (1873 bis 1874, Rabbinatsverweser) (geb. 1843
Niederstetten, gest. 1911 Stuttgart):
studierte in Pressburg und Tübingen, nach der kurzen Zeit als Rabbinatsverweser in Mühringen 1874
bis 1880 Rabbiner in Buttenhausen, vom Amt
suspendiert, danach Journalist und freier Schriftsteller in Stuttgart, wurde über
lange Jahre zum Wortführer der Sozialdemokraten Württembergs. Zu seiner
Biographie vgl. u.a..
https://de.wikipedia.org/wiki/Jakob_Stern
- Dr. Michael Silberstein (1874 bis 1884) (geb. 1834
Witzenhausen, Werra-Meißner-Kreis, gest. 1910
Wiesbaden): nach Studien in Hannover, Breslau
(als einer der ersten Absolventen des dortigen jüdisch-theologischen Seminars) und Berlin
von 1860 bis 1868 Rabbiner in Lych, Prov. Ostpreußen, 1868 bis 1874 Rabbiner in
Buttenhausen, 1874 bis 1884 Rabbiner in
Mühringen, 1884 bis 1908 Rabbiner in Wiesbaden,
danach pensioniert. Zu seiner Biographie vgl. u.a.
https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Silberstein.
- Dr. Adolph Jaracewsky (Jaraschweski, 1884 bis 1911) (geb. 1829 Borek, Prov.
Posen, gest. 1911 Mühringen): studierte in Breslau und Rostock, zunächst
Lehrer und Prediger an verschiedenen Stellen, 1862 bis 1879 Rabbiner in
Erfurt (schrieb
die "Geschichte der Juden in Erfurt"), 1879 bis 1884 Seelsorger, Religionslehrer und Bezirksrabbiner in Schüttenhofen (Sušice/Böhmen und Klattau, 1884
bis zu seinem Tod 1911 Bezirksrabbiner in
Mühringen; 1911 wurde das Rabbinat Mühringen nicht mehr besetzt und nach
Horb
verlegt.
Über Rabbiner David Diespecker und andere Rabbiner des 18.
Jahrhunderts in Mühringen (1888)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 16. Februar 1888: "Wiesbaden, im Februar (1888). (Notiz.)
Gestatten Sie mir zu den in Nr. 5 Ihrer geschätzten Zeitung anlässlich der
Beerdigung des seligen Rabbiners Cohn in
Baiersdorf von dem verehrten Herrn
Kollegen Dr. Neuburger in Fürth
gebrachten Mitteilungen über R. David Diespecker eine Berichtigung,
resp. Ergänzung. Derselbe kam nicht von
Baiersdorf, sondern von Mühringen (Württemberg) nach Metz.
Nach Mühringen wurde er von
Baiersdorf im Jahre 1772 zum Bezirks- oder wie es damals hieß,
Landrabbiner berufen, und gehörten zu seinem Rabbinate auch die später
abgetrennten hohenzollernschen Gemeinden
Hechingen, Haigerloch und
Dettensee. Diespecker errichtete in
Mühringen, wie dies schon einer seiner Vorgänger, R. Nathanael Weil
(Verfasser des Korban Netanel), der im Jahre 1731 nach Mühringen
berufen worden war, und einer seiner Nachfolger, R. Gabriel Adler
(Herausgeber des Laschon sahav) im Bruder des noch lebenden
Oberlandrabbiners Dr. Nathan Adler, der im Jahre 1813 nach Mühringen
kam, getan, eine Jeschibah. — Schon im Jahre 1778 folgte R. David Diespecker
einem Rufe nach der damals hochangesehenen Gemeinde Metz. — Ich habe in der
bei Gelegenheit meines Amtsantritts in Mühringen gehaltenen und
veröffentlichten Antrittspredigt der genannten rabbinischen Celebritäten
Erwähnung getan. Dr. M. Silberstein."
Anmerkungen: - Nathanael Weil und der Korban Netanel:
https://de.wikipedia.org/wiki/Nathanael_Weil |
Rabbiner Dr. Wassermann hält eine Probepredigt zur
Bewerbung auf das Rabbinat in Kassel (1846)
Artikel
in der Zeitschrift "Der treue Zionswächter" vom 7. April 1846:
"Kassel, den 22. März (1846). Man ist hier allgemein der
Ansicht, dass die hiesige Rabbinerstelle nicht lange mehr unbesetzt
bleiben werde. Gestern hat Herr Dr. Wassermann, Rabbiner zu Mühringen im
Württembergischen hier eine Probepredigt gehalten, und Herr Rabbiner
Fassel soll zu gleichem Zwecke nach Pessach hier
eintreffen." |
Über
eine Dichtung von Rabbiner Dr. Wassermann (1859)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 26. September 1859: "Literarischer Wochenbericht.
Magdeburg, im September (1859). Unsere Leser werden es sehr
gerechtfertigt finden, wenn wir noch einmal auf eine jüngst erschienene
Dichtung zurückkommen, welche die Aufmerksamkeit der Lesewelt auf sich zu
ziehen durchaus würdig ist. Wir meinen: 'Die Mädchen von Chaibar von
Orientalis'. Unser Wunsch, den Namen des Verfassers zu erfahren, ist
befriedigt. Derselbe nannte sich uns, es ist Herr Rabbiner Dr.
Wassermann in Mühringen (aus dem Schwarzwald). In liebenswürdiger
Bescheidenheit spricht sich derselbe über das aus, was wir in unserm
Referat in Nr. 36, etwa dem Werke zur vollkommensten Befriedigung
gewünscht haben, und, da wir dadurch über die Tendenz der Dichtung
aufgeklärt werden, stehen wir nicht an, die Hauptstelle des Schreibens
mitzuteilen, obgleich unser geschätzter Herr Kollege seinen Brief nur an
uns persönlich gerichtet hat.
'An dem Versuch, meiner Arbeit die von Euerer Hochwürden angedeutete
höhere Unterlage und Richtung zu geben, wollte ich mich nicht wagen; tel
brille au second rang qui s'eclipse au premier. Mir genügt, wenn ich neben
der allgemeinen Aufgabe der erzählenden Dichtung, große und tiefe
Leidenschaften an Tatsachen zur Anschauung zu bringen, und Naturgemälde und
Sittenschilderungen mit den Vorgängen des innern Lebens zu einem wirksamen
Gesamteindrucke zu verbinden, die besondere, welche ich mir gestellt hatte,
leidlich zu lösen vermochte. Diese ist teils apologetischer Natur, teils und
vorzüglich hat sie die Glorifikation der jüdischen Frauen im Auge gehabt.
Soweit ich nämlich die christliche Welt aus persönlichem Umgange kenne -
mein Umgang beschränkt sich, da ich auf einem ganz geringen Bauerndorfe
wohne, auf die Beamten des nächsten Städtchens und einigen Landadel - ist
namentlich unter den gebildeten Ständen das Vorurteil der christlichen
Frauen gegen die jüdischen weit größer als das unter den Männern
herrschende. Solchem Vorurteile auf weitem Umwege (damit die Absicht nicht
durchscheine) entgegenzuwirken, ist, so weit Tendenzpoesie überhaupt
zulässig, der Zweck meines Romans. Darum sind Frauen seine Hauptheldinnen,
darum stehen sie auf dem Titelblatte und darum habe ich in meinem Vertrage
mit der Buchhandlung besonders auf die elegante Ausstattung gedrungen, damit
ihm diese die Zulassung in die Boudoirs der Damen ermögliche. Ich habe
dieselbe Absicht mit einer in dem 6. Hefte der 'Erheiterungen'' dieses
Jahres enthaltenen Erzählung aus der jüngsten Vergangenheit verfolgt, und
werde wohl zufrieden sein, wenn auch nur bei einer oder andern vornehmen
christlichen Dame der Hochmut oder die Aversion gegen die an Bildung sie
vielleicht weit überragende jüdische gemildert wird." |
25-jähriges Amtsjubiläum von Rabbiner Dr. Wassermann
(1862)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 5. August
1862: ""Mühringen (Württemberg), im Juli (Privatmitteilung). Am 13.
dieses Monates (sc. Juli 1862) feierte der Herr Rabbiner Dr. Wassermann sein
25jähriges Amtsjubiläum, zu welchem ihm von vielen Seiten, auch von der
königlichen Staatsbehörde, viele Beweise der Teilnahme und Anerkennung
gespendet wurden (Das Nähere berichtet eine Korrespondenz im 'Jüdischen
Volksblatt'). |
| |
Artikel
in der Zeitschrift "Jüdisches Volksblatt" vom 1862 Nr. 32 S. 127-128: "Ein
Amtsjubiläum.
Mühringen (im württembergischen Schwarzwald) im Juli (1862).
Am 13ten dieses Monats wurde hier ein schönes, wahrhaft erhebendes Fest
gefeiert — das 25jährige Dienstjubiläum des in seinem Bezirke allgemein
geliebten und verehrten Rabbiners Dr. Wassermann. Das von den
Kirchenvorsteherämtern der zum Rabbinate gehörigen Gemeinden gewählte
Komitee, an dessen Spitze Herr Ratschreiber Perlen von hier stand, hatte
umfassende Vorbereitungen für die Begehung dieser Feier getroffen, welchen
es zu verdanken ist, dass dieselbe nach allen Seiten gelungen. Die
Abgeordneten der Gemeinden und zahlreiche Freunde des Rabbiners, teilweise
aus einer Entfernung von 10—12 Stunden, begaben sich in feierlichem Zuge,
welchen die Bezirks-Vorstände und weitere Beamte und Honoratioren aus der
Oberamtsstadt Horb eröffneten, durch die geschmückte Straße in die Wohnung
des Gefeierten. Der Komiteevorstand Perlen hielt hier eine die ganze
Versammlung ergreifende Ansprache an den Jubilar und überreichte ihm dann
einen schönen silbernen Pokal mit passender Inschrift als Zeichen des Dankes
und der Hochachtung seiner Gemeinden für sein segenvolles Streben und Wirken
in ihrer Mitte.
Von Seiten der Königlichen Oberkirchen-Behörde wurde Herr Oberamtmann
Lindenmaier mit dem Auftrage betraut, dem Jubilar die Glückwünsche dieser
Behörde und Zufriedenheit mit seiner bisherigen Amtsführung, sowie die
Anerkennung seines verdienstvollen Wirkens auszudrücken. Der Jubilar
erwiderte im kurzen, Geist und Gemüt gleich ansprechenden Vortrage auf die
an ihn gerichteten Worte und schloss mit der bekannten Benedion
Schehitenu.
Bei dem Festmahl, das auf diesen ernsten Teil der Feier folgte, wurden
viele, unter anderm auch von glücklichem Humor eingegebenen Toaste
ausgebracht; die trefflichsten darunter aber waren die des Herrn
Oberamtsrichters Wirth. Sie sind nach Form und Inhalt von solchem Werte,
dass wir den Dank der Leser zu verdienen glauben, wenn wir sie hier
veröffentlichen.
Von Laban, dem er lange sich verdungen, Entfliehend, reif zu neuer
Stammsitzgründung,
Hat Jakob kühn in schöner Kraftverkündung, Zum Morgenrot die Nacht hindurch
gerungen.
Den Besten seines Stammes ist's gelungen, In schwerem Kampf mit
Glaubenshassentzündung,
Dem Strom des Geistes folgend bis zur Mündung, Sein weites Meer zu öffnen
allen Zungen.
Von Israel ist Jesus uns gekommen, Es hat ein schweres Joch wie er
getragen
Und Opfer dargebracht in Tausend Leichen.
Versöhnung hat den Hass nun weggenommen,
In freiem Geist beginnt die Zeit zu tagen,
Die Nacht des Mittelalters ist im Weichen.
Der Freiheit des Geistes und ihrem Kämpfern aus voller Brust ein dreifaches
Hoch!
Dem auserwählten Und ungezählten,
Durch schlecht verhehlten Und ganz verfehlten
Ingrimm gequälten, Dem viel geschmähten,
Durch Druck gestählten, Dem reichbeseelten
Und geistvermählten Volke Juda Aus voller Brust
Ein dreifach donnernd Hoch!
Diese schönen Worte riefen einen wahren Beifallssturm hervor und steigerten
die gehobene Stimmung und Heiterkeit der Festgenossen. Die Erinnerung an
diesen Tag der Freude wird gewiss bei allen Teilnehmern eine unauslöschliche
bleiben." |
Publikation von Rabbiner Dr. Wassermann
(1863)
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 8. Dezember 1863: "Im Verlage von W. Kitzinger in
Stuttgart ist soeben erschienen und in allen Buchhandlungen zu haben:
Wahre Liebe. Drei Erzählungen von Dr. M. Wassermann, Rabbiner
in Mühringen.
8°. Auf feinstem Velinpapier. In elegantem Umschlag. Preis 25 Sgr. = 1 fl.
24 fr.
Motto: Trefflicher war nie deine Liebe als Frauenliebe. 2. Sam. 1, 26.
Statt Liebesgeschichten enthalten diese Erzählungen trefflich
gelungene Schilderungen des Liebeswirkens edler Seelen aus den
verschiedenen Schichten der Gesellschaft und bilden somit einen erfreulichen
Kontrast zu dem großen Heere moderner Romane und Novellen, die zumal ein und
dasselbe ewig sich wiederholende Motiv zum Vorwürfe haben. Dabei sind sie
trotz aller Natürlichkeit in der Verwickelung und Lösung in hohem Grade
spannend und ergreifend und ganz dazu geeignet, einen neuen und spezifischen
Reiz auf die Leser auszuüben. Vorzüglich verdienen sie Jünglingen und
Jungfrauen gebildeter Stände zur Lektüre empfohlen zu werden. Die
Ausstattung des Buches ist eine höchst elegante." |
Besprechung der Publikation von Rabbiner Dr. Wassermann
(1863)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 22. Dezember 1863: "Bonn, 9. December. 'Wahre Liebe. Drei Erzählungen
von M. Wassermann, Rabbiner in Mühringen. Stuttgart, 1863.' Unsere Leser
mögen sich nicht von dem Titel abschrecken lassen, in der Voraussetzung,
hier wieder einigen der gewöhnlichen Liebesgeschichten zu begegnen; vielmehr
sollen die drei Erzählungen in lebendiger Weise Beispiele vorführen, wie die
wahre Menschenliebe sich tatkräftig erweist. Der Stoff ist aus den
verschiedenen Kreisen des bürgerlichen Lebens, bäuerlichen, städtischen und
militärischen genommen und anziehend behandelt. Diese Erzählungen sind für
das allgemeine Publikum geschrieben und zwar zunächst für die Jugend. Aber
aus einer jüdischen Feder geflossen, bieten sie eine willkommene Gabe für
die jüdische Jugend dar, die hier selbstverständlich nichts trifft, was
unsere religiöse Anschauung verletzt und ihr widerspricht." |
Rabbiner
Dr. Silberstein wechselt von Buttenhausen nach Mühringen (1874)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 1. Dezember 1874: "Das durch die Berufung des Herrn Dr.
Wassermann, als Kirchenrat und Rabbiner Nach Stuttgart in Erledigung
gekommene Bezirksrabbinat Mühringen (württembergischer Schwarzwald) ist
durch Königliches Kultusministerium Herrn Rabbiner Dr. Silberstein in
Buttenhausen übertragen worden. Die Gemeinde Buttenhausen,
die sich bedeutende Opfer aufzuerlegen Willens war, um ihren Rabbiner sich
zu erhalten, bereitete demselben vor seinem Abhange eine erhebende
Abschiedsfeier, an der außer sämtlichen Gemeindemitgliedern auch
angesehene Christen, Geistliche usw. Anteil nahmen; als Zeichen ihrer
Anerkennung überreichte ihm der Vorstand hierbei namens der Gemeinde
einen prachtvollen silbernen Pokal. Auch in Mühringen, seinem neuen
Rabbinatssitze, wurde Herrn Dr. Silberstein ein solenner Empfang bereitet.
Vorsteher und Lehrer des Bezirks reisten ihm nach Tübingen entgegen und
geleiteten ihn nach seinem neuen Wohnsitze; Böllerschüsse, unter denen
sein Einzug in Mühringen erfolgte, Girlanden und zahlreiche Transparente,
die das Rabbinatshaus schmückten, die prachtvolle Beleuchtung, in der
dasselbe am Abende sich präsentierte, Musik- und Gesangständchen, die
dem Gefeierten gebracht wurden, insbesondere aber die schöne Ansprache,
die der Lehrer und Vorsänger, Herr Pr. aus R., namens der Gemeinden des Schwarzwaldes
an Herrn Dr. Silberstein in seiner Behausung hielt und die von letzterem
mit passenden Worten erwidert wurde, zeugten von der ungekünstelten
Herzlichkeit, mit der die Gemeinden ihren neuen Rabbiner entgegenkommen.
Am Samstag fand die feierliche Einführung desselben statt, zu der
gleichfalls einzelne Vertreter von auswärts erschienen
waren." |
Abschiedsfeier für Rabbiner Dr. Silberstein
(1884)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 20. Mai 1884: "Am 4. Mai fand in Mühringen eine solenne
Abschiedsfeier für den zum Rabbiner nach Wiesbaden berufenen Dr. M.
Silberstein daselbst statt, an der sich außer den Deputierten der
israelitischen Bezirksgemeinden auch sehr viele christliche Notabilitäten
(kath. Geistliche, Lehrer, Beamte, Ärzte und Private) und die bürgerlichen
Kollegien beteiligten. Unter den vielen Rednern waren auch der Pfarrer Maier
in Mühringen und Schulinspektor Dr. Menz von Bieringen. Dem Scheidenden, der
sich durch seine Leistungen auf der Kanzel wie durch seine Wirksamkeit für
das religiöse Wohl der ihm unterstellten Gemeinden die vollste Sympathien
derselben erworben und erhalten hat, wurde ein sehr wertvolles Geschenk
überreicht." |
Ausschreibung des Rabbinates (1884)
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 3. Juni 1884: "Erledigtes Rabbinat.
Das Bezirksrabbinat Mühringen Oberamts Horb, mit welchem ein
pensionsberechtigter Gehalt von 1948 Mk. nebst freier Wohnung und den
Gebühren für Kasualien verbunden ist, soll demnächst wieder besetzt werden.
Die Bewerber um dasselbe werden aufgefordert, sich innerhalb vier Wochen
unter Anschluss der Nachweise ihrer Befähigung und eines curriculum vitae
bei der Unterzeichneten Stelle zu melden.
Stuttgart, den 23. Mai 1884.
Königliche Württembergische israelitische Ober-Kirchenbehörde.
Finckh." |
Amtseinführung des Bezirksrabbiners Dr. Adolf
Jaraczewsky (1884)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 2. Dezember 1884: "Mühringen, 11. November (1884). Der
'Schwarzwälder Bote' schreibt: Am vorigen Sabbat feierte die israelitische
Gemeinde in Mühringen ein schönes Fest. Der neue Bezirksrabbiner Dr.
Adolf Jaraczewsky wurde durch Herrn Kirchenrat Dr. v. Wassermann in sein Amt
eingeführt. Es hatten sich auf ergangene Einladung Seine Hochwürden Herr
Pfarrer Maier, Herr Schultheiß und mehrere der H.H. Gemeinderäte, einige
Beamte der Freiherrlich v. Münch'schen Herrschaft und Bürger der
christlichen Gemeinde, auf gemachte Mitteilung Mitglieder aus mehreren
Gemeinden des Bezirks, sowie insbesondere eine Anzahl Genossen aus der
benachbarten Gemeinde Dettensee zum
Gottesdienste eingefunden, um der Feier beizuwohnen. Nach dem
Frühgottesdienste wurden die beiden hochwürdigen Herren Geistlichen durch
eine Deputation in die Synagoge abgeholt und bestiegen dann nach dem
Vorlesen aus der Tora die Kanzel. Tief ergriffen — 'denn von dieser Stelle
habe er selbst durch einen Zeitraum von 38 Jahren so manchmal das Wort
Gottes verkündigt', stellte hier Herr Kirchenrat der ebenso ergriffenen
Gemeinde ihren neuen Seelsorger vor. In innigen treffenden Worten empfahl er
der Gemeinde sowohl, 'an die er ja ein Recht habe, eine Forderung zu
stellen', als auch dem neuen Geistlichen Liebe und gegenseitiges Vertrauen
zur Grundlage ihres gemeinsamen Strebens und Zusammenwirkens zu machen. Herr
Rabbiner Dr. Jaraczewsky hielt hierauf, anknüpfend an die Worte des Herrn
Kirchenrats, seine Antrittspredigt, in der er anführte, dass er die Aufgabe
des wahren Priesters darin erkenne, durch sein Beispiel, sein Wirken und
Walten auf und außer der Kanzel den Menschen zum Frieden und zur Versöhnung
mit seinem Gotte, seinem Nebenmenschen und mit sich selbst zu führen. Abends
7 Uhr brachte ein Quartett den beiden hochwürdigen Herren ein Ständchen vor
dem Rabbinatshause, welch letzteres wiederholt in bengalischer Beleuchtung
erglühte und ein ansehnlicher Fackelzug geleitete die Geehrten in das
Gasthaus zum Bären, wo ein kleines Bankett stattfand. Auch hier beteiligte
sich wieder in loyalster Weise der hochwürdige Herr Ortsgeistliche und
ebenso der hochwürdige Herr Schulkommissär, Pfarrer Sauter von Imnau, ferner
der Herr Ortsvorstand und die Herren Gemeinderäte, Herr Rentamtmann
Anzenhofer und die anderen Freiherrlich v. Münch'schen Beamten, Herr
Postexpeditor Neth, Badeigentümer Frey und dessen Schwiegersohn Herr Gilly,
Herr Badearzt Dr. Scheef, Herr Lehrer Teufel, sämtlich von Imnau, und eine
Anzahl hiesiger Bürger. Den ersten Toast brachte der hochwürdige Herr
Kirchenrat Dr. v. Wassermann auf Seine Majestät den König aus, durch dessen
weise Gesetzgebung die kirchlichen Verhältnisse in Württemberg wie in keinem
anderen deutschen Lande geregelt seien, was den schönen Frieden zwischen den
verschiedenen Konfessionen zur Folge habe. Seine Hochwürdem Herr Pfarrer
Maier brachte in sehr schönen und herzlichen Worten ein Hoch aus auf den
Frieden zwischen den Konfessionen, der die Grundlage des Bürger- und
Gemeindeglücks sei und lud seinen neuen Amtsbruder ein, mit ihm Hand in Hand
zu gehen, diesen Frieden zu fördern und zu befestigen. Bis nach Mitternacht
blieben die Gäste in heiterster Stimmung und schönster Harmonie beisammen
und noch lange wird das schöne Fest den Teilnehmern in angenehmer Erinnerung
bleiben." |
Zum Tod von Sara Weil geb. Adler aus der Rabbinerfamilie Adler
(1909)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 16. Dezember 1909: "Frankfurt a. M., 14. Dezember. Am ersten
Tage Chanukka verschied dahier im 79. Lebensjahre Frau Sara Weil geb.
Adler, eine wackere Frau im vollsten Sinne des Wortes. Eine
hingebende Gattin ihres vor 20 Jahren dahingegangenen Gatten, des durch
wahrhafte, innige Frömmigkeit und durch die Lauterkeit seines guten
Charakters ausgezeichneten Herrn Isaak Weil - das Gedenken an den
Gerechten ist zum Segen - verkörperte die Heimgegangene die Traditionen
einer der hervorragendsten jüdischen Gelehrtenfamilien des alten Frankfurt,
der Familie Adler, welcher bekanntlich ja auch Nathan Adler angehört
hat.
Frau Sara Weil - sie ruhe in Frieden - war die jüngste Tochter des großen
Rabbi Beer Adler, der ebenso, wie seine beiden Brüder, der
hochgelehrte Rabbi Gabriel Adler, seinerzeit Distriktsrabbiner von
Mühringen und Oberndorf und Rabbi
Nathan Adler, der weltberühmte Chief-Rabbi von England, zu den ersten
Forschern und Kennern des
Talmud gehörte.
Stets zeigte sie sich ihrer großen Ahnen würdig und in allen Lebenslagen
bekundete sie ihre wahrhafte Frömmigkeit und ein unerschütterliches
Gottvertrauen. Von Frau Sara Weil durfte mit Recht gesagt werden: ...
sie erkannte als eine der höchsten Aufgaben der Frau, Erzieherin und
Freundin ihren Kindern zu sein.
Eine Quelle reinster Freude war es ihr, dass keines ihrer Kinder und Enkel
den Boden des gesetzestreuen Judentum verlassen hat. Über ihre Züge zog
stets ein verklärendes Lächeln, wenn sie aus dem Munde ihrer Enkelkinder
Worte der Tora und damit die ihr wohlbekannten Klänge ihres
Elternhauses sowie ihres eigenen Heims auch aus dem Munde der Enkel wieder
ertönen hörte. Nun ist die Edle heimgekehrt, aber bei allen, die die biedere
Frau kannten, wird das Bild dieser treuen Gattin und guten Mutter in
liebevoller, ehrender Erinnerung bleiben: ''..., dadurch, dass Kinder und
Enkel in der Weise, wie die Dahingegangene und deren Gemahl - das
Gedenken an den Gerechten ist zum Segen - es ihnen eingeprägt und
vorgelebt haben, als wahrhafte Jehudim wirken und leben. ..." |
Zum Tod des Mühringer, dann
Wiesbadener Rabbiners Dr. Michael Silberstein (1910)
Artikel
in der 'Allgemeinen Zeitung des Judentums“ vom 28. Oktober 1910:
"Wiesbaden,
20. Oktober (1910). Am Abend des Versöhnungstages entschlief infolge
einer Arterienverkalkung im 76. Jahre seines Lebens der seit nunmehr zwei
Jahren emeritierte Stadt- und Bezirksrabbiner Dr. Michael Silberstein. Als
Sohn eines Lehrers am 1. November 1834 in Witzenhausen,
Bezirk Eschwege, geboren, wurde der Verewigte zunächst zum
Kaufmannsstande bestimmt. Sein ideales Streben aber ließ ihn in diesem
Berufe nicht die wahre Befriedigung finden, sodass es ihm gestattet wurde,
im Jahre 1850 die eben erst begründete Bildungsanstalt für jüdische
Lehrer in Hannover zu beziehen, welche er nach dreijährigem besuche mit
einem geradezu glänzenden Zeugnis verließ. Sein rastloser Bildungsdrang
führte ihn nach zwei Jahren schon nach Berlin, wo er bis zum Jahre 1858
theologischen und philosophischen Studien oblag. Die Veitel Ephraimsche
Stiftung war die Stätte, an der er sich zum Rabbiner heranbildete und die
Universität der Born seiner profanen Bildung. Sein Vorbild und Lehrer war
der Altmeister Dr. Michael Sachs seligen Andenkens, dessen Bild in seinem
Arbeitszimmer an hervorragender Stelle zu sehen ist, und der Oberrabbiner
Aub. Leopold Ranke weckte und förderte seinen historischen Sinn. Als der
Verblichene im Jahre 1858 seine Studien mit gutem Erfolge beendigt hatte,
nahm er eine erste Stellung als Lehrer in Pleschen an, wurde aber schon
nach kaum anderthalb Jahren 1860 als Rabbiner nach Lyck (Ostpreußen)
berufen. Hier wusste er durch sein mannhaftes Auftreten in der Öffentlichkeit
unserer Glaubensgenossenschaft Anerkennung und Beachtung zu verschaffen.
Nach achtjähriger, segensreicher Wirksamkeit siedelte er dann 1868 nach Württemberg
über. Im Jahre 1874 wurde er nach Mühringen im Schwarzwald
versetzt, wo er bis 1885 wirkte. 1869 berief die württembergische
Regierung eine Delegiertenversammlung zwecks Beratung eines
Verfassungsentwurfs für die israelitische Glaubensgemeinschaft.
Silberstein, als geistliches Mitglied dieser Kommission, trat damals mit
einem längeren Exposé vor das Plenum und hatte die Genugtuung, dass
seine Vorschläge fast sämtlich angenommen wurden. Die Hochachtung und
Wertschätzung, die sich der Verblichene durch sein mannhaftes würdiges
Auftreten sowohl, wie durch den Glanz seiner Beredsamkeit erwarb,
erreichte durch seine Rede am Grabe Berthold Auerbachs ihren Höhepunkt.
Damals wurde Dr. Silberstein in der breitesten Öffentlichkeit bekannt,
und als der Rabbinatssitz in Wiesbaden vakant wurde, berief man den
gefeierten Mann in unsere Bäderstadt. Hier wirkte er in einer
ununterbrochenen fast 25-jährigen Tätigkeit für das Wohl der Juden
Wiesbadens, derer seines Bezirks wie auch der jüdischen und außerjüdischen
Allgemeinheit. Wiesbaden hat sich in den letzten Jahren zu Großstadt
entwickelt und die jüdische Gemeine ist auf dem besten Weg, eine Großgemeinde
zu werden. Wenn die Institutionen mit der Entwicklung gleichen Schritt
gehalten haben, so ist dies ein Hauptverdienst des Entschlafenen. Ihm ist
zu danken: die Gründung des Israelitischen Unterstützungsvereins, des
Israelitischen Waisenfonds, der Gemeindebibliothek usw. Besondere Fürsorge
widmete er den Bestrebungen der Alliance und des Deutsch-Israelitischen
Gemeindebundes. Hier hat er vor einigen Jahren eine größere Stiftung
zwecks Unterstützung jüdischer Studierender, die Dr. Michael und Rebekka
Silberstein-Stiftung errichtet und sich dadurch unsterblich gemacht. Die
Haupttätigkeit des Entschlafenen war der jüdischen Schule und deren
Lehrer gewidmet. Hier zeigte er so recht sein Können und sein Herz. Auch
als geistreicher Schriftsteller ist der Entschlafene weit bekannt
geworden. Seine Schriften beziehen sich auf das Gesamtgebiet des jüdischen
Wissens, Lebens und Unterrichtes. In seinen Bestrebungen wurde Dr.
Silberstein durch seine Gemahlin wacker unterstützt und gefördert. Sie
ist ihm im Tode um kaum fünf Wochen vorausgegangen. Die beiden Gatten führten
eine geradezu ideale Ehe in ihrem gemeinsamen Schaffen und Streben. Der
hohen Bedeutung Dr. Silbersteins entsprach seine Wertschätzung, welche
gelegentlich seines 70. Geburtstages so recht zum Ausdruck kam. Vorstände,
Korporationen sowie auch viele Private wetteiferten damals in Darbringung
von Ovationen. Seine Majestät verlieh ihm den roten Adlerorden IV.
Klasse. Die am Sonntag, 16. Oktober, stattgehabte Beerdigung gab abermals
den Beweis der großen Wertschätzung für den Verblichenen. Die
Kultusgemeinde ließ es sich nicht nehmen, die Leiche ihres Seelsorgers
nochmals an die Stätte seiner Wirksamkeit zu führen. Eine stattliche
Versammlung, bei der auch die staatlichen und kommunalen Behörden vollzählig
vertreten |
waren,
erfüllte das herrliche Gotteshaus in allen seinen Räumen. Im Mittelpunkt
der Trauerfeier in der Synagoge Michelsberg, eingeleitet durch Orgelpräludium
und weihevolle Gesänge des Synagogenchors, stand die glänzende
Leichenrede des Stadt- und Bezirksrabbiners Dr. Kober, des Nachfolgers
des Entschlafenen. Der Redner sprach über die Versöhnlichkeit, den
Hauptcharakterzug des Verklärten und gab ein umfassendes Lebensbild des
Dahingeschiedenen. Es sprachen außerdem die Herren Simon Heß im Namen
der Kultusgemeinde Wiesbaden, Rabbiner
Dr. Salfeld – Mainz für die für
den Rabbinerverband sowie für den liberalen Rabbinerverband, Dr. Landau
– Weilburg für die nassauischen Bezirksrabbiner,
Dr. Goldschmidt –
Offenbach als Freund und Kollege, Benedikt Strauß für den
Synagogen-Gesangverein, Oberkantor Nussbaum im Namen des Vereins
israelitischer Lehrer im ehemaligen Herzogtum Nassau, deren Ehrenpräsident
der Verstorbene war und Lehrer Capell im Namen der Lehrer des Bezirks
Wiesbaden. Nach ergreifendem Gesang des Oberkantors Nussbaum wurde der
Sarg von Lehrern an den Wagen getragen, und in langem Zuge folgte die
Gemeinde. Am Grabe sprach noch Rabbiner Dr. Weingarten –
Ems einige
herzliche Abschiedsworte – darauf ergriff Rabbiner Dr. Kober nochmals
das Wort, um dem Entschlafenen den Dank des D.J.G.B.
(Deutscher jüdischer Gemeindebund) und der A.J.U. auszusprechen. Zuletzt
gedachte der Redner in danken Worten der Gründung des Waisenfonds durch
den Dahingeschiedenen und sprach ihm für alle Liebe und väterliche Führung
seinen persönlichen Dank aus. So schloss sich denn das Grab über der
irdischen Hülle eines edlen Mannes, dessen Andenken da, wo er gewirkt,
unvergessen bleiben wird. – Auch wir werden dem Verblichenen, der ein
fleißiger Mitarbeiter unserer Zeitung war, ein treues Gedenken bewahren.
Die Redaktion."
|
Zum Tod von Rabbiner Dr. Jaraczewsky
(1911)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt"
vom 7. Juli 1911: "Mühringen (Württemberg). Nach
27-jähriger Amtstätigkeit in unserer Gemeinde, ist Rabbiner Dr.
Jaraczewsky verschieden. Ein Trauerzug, wie ihn Mühringen noch nie
gesehen hat, folgte ihm auf dem letzten Wege, ein sichtbares Zeugnis von
der Beliebtheit des Entschlafenen. Auf dem Friedhofe sprachen u.a. Rabbiner
Dr. Straßburger - Ulm, der katholische Pfarrer, der Vorstand des
Militärvereins, Lehrer Spatz - Rexingen
und der israelitische Kirchenvorsteher Hirsch - Tübingen."
|
| |
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 14. Juli 1911: "Unter großer Teilnahme fand die Beerdigung
des im 82. Lebensjahre verstorbenen Rabbiners Dr. Jaraczewski in Mühringen
(Württemberg) statt. Am Grabe sprachen Rabbiner Straßburger - Ulm als
Delegierter der Israelitischen Oberkirchenbehörde, der katholische
Ortsgeistliche, die Lehrer Stern und Spatz, Kirchenvorsteher
Hirsch - Tübingen und der Vorstand des Kriegervereins. Der
Verstorbene verwaltete das Rabbinat seit 1885, vorher war er Rabbiner in
Erfurt." |
Aus der
Geschichte der jüdischen Lehrer und der Schule
Lehrer
Löwenthal wechselt von Ernsbach nach Mühringen - Rabbiner Dr. Wassermann
wechselt angeblich nach Kassel (1846)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 4. Mai 1846: "Durch die Vakatur der nun dem Lehrer
Löwenthal zu Ernsbach übertragenen
Schulstelle zu Mühringen, läuft jetzt wieder ein Sturm von
Petitionen der Bewerber um die Ernsbacher Lehrstelle, die ohne Emolumente
doch nur 225 Gulden fixen Gehalt nebst freier Wohnung einträgt, bei der evangelischen
Oberschul- und der israelitischen Oberkirchenkirchenbehörde zu Stuttgart,
en. Aus diesem Andrang lässt sich die finanzielle Lage und geringe
Hoffnung der württembergischen Lehrer und Vorsänger ersehen, die,
abermals in Folge einer ungünstigen Ministerialentscheidung, als
Konfessionsschullehrer keinen Anteil an der Aufbesserung derjenigen
Volksschullehrergehalte anzusprechen haben, welche sich nicht auf 250
Gulden belaufen, während die Ständekammer von dieser Unterscheidung kein
Wort vernehmen ließ.
Wie man hört, wird der bei uns allgemein geachtete, von seiner Gemeinde
sehr verehrte Rabbiner Dr. Wassermann in Mühringen als Rabbiner nach
Kassel kommen. L....u." |
Ausschreibung
der Stelle des Religionslehrers und Vorbeters (1874)
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 28. April
1874: "Eine Gemeinde des württembergischen Schwarzwalds sucht einen
unverheirateten tüchtigen Vorbeter, Baal Kore und
Religionslehrer. Fixer Gehalt 350 fl. nebst freier Wohnung, Feuerung und
mindestens 50 fl. Nebeneinkünfte. Billige Kost. Qualifizierte Bewerber
wollen ihre Zeugnisse ungesäumt an die Unterzeichnete Stelle
einsenden.
Mühringen b. Horb. Königliches Rabbinat. Stern, Amtsverweser." |
Ausschreibung
der Stelle des Religionslehrers und Kantors (1926)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 7. September 1926: "Das Israelitische Vorsteheramt Mühringen
(Württembergischer Schwarzwald, Bahnstation) sucht einen seminaristisch
gebildeten
Religionslehrer und Kantor
Die Besoldung erfolgt nach R.B.O. Gruppe VII. Dienstwohnung ist vorhanden.
Es könnte auch ein älterer pensionierter Beamter in Betracht kommen. Die
Anstellung im Wege des Vertrags erfolgt durch das Vorsteheramt in Mühringen
selbst, jedoch sind Bewerbungen unter Vorlage von Zeugnissen bis zum 1.
Oktober 1926 bei der Unterzeichneten Stelle einzureichen.
Der Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs
Stuttgart." |
Aus dem jüdischen Gemeindeleben
Die
Annahme fester Familiennamen durch die Juden der Schwarzwaldgemeinden 1827 -
Übersicht über die Veränderungen in den Gemeinden Rexingen, Baisingen,
Mühringen und Mühlen (Beitrag von Oberlehrer Straßburger, 1926)
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. Dezember 1926: "Die Annahme fester Familiennamen
durch die Juden des Schwarzwald.
Während die Mitglieder der Gemeinde Nordstetten schon im Jahre 1787 durch
kaiserliche Verordnung ihre festen Familiennamen angenommen hatten, geschah
dieses in den anderen württembergischen Schwarzwaldgemeinden Rexingen,
Baisingen, Möhringen und Mühlen erst im Jahre 1827. Durch den Erlass des
Königlichen Ministeriums vom 10. Juli 1827 sollten die Geburts-, Ehe-,
Toten- und Familienregister vorgelegt werden. Art. 3 des Erlasses betr. der
öffentlichen Verhältnisse der israelitischen Glaubensgenossen verfügte die
Annahme eines bestimmten Familiennamens. Es kam dies daher, dass viele Juden
bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts ihre alten Vornamen ohne
Geschlechtsnamen beibehalten und erst durch die staatlichen Behörden
gezwungen wurden, Familiennamen anzunehmen. Durch obigen Erlass erging auch
an die jüdischen Gemeinden in Neuwürttemberg die Aufforderung sich
Familiennamen beizulegen. Für das Oberamt Horb datiert ein solcher Erlass
vom 1. Juli 1825. Es werden im folgenden die jüdischen Familien der
Schwarzwaldgemeinden mitgeteilt in der Weise, dass neben den bisherigen
Namen der neue Name gesetzt wird.
Oberlehrer M. Straßburger, Baisingen. |
Baisingen:
David Benedikt — David Benedikt.
Maier Benedikt — Maier Benedikt.
Marum Bolak — Marum Bolak.
Lazarus Löb — Lazarus Hechinger.
Gidion Herz — Gidion Herz.
Benedikt Hirsch — Benedikt Kahn.
Moses Hirsch — Moses Kahn.
Schmaj Hirsch — Schmaj Kahn.
Kallmann Kifi — Kallmann Kiefe.
Löb Kiefi - Kifi Kifi.
Lehmann Kifi — Lehmann Kifi.
Löb Kifi - Löb Kifi.
Salomon Kifi — Salomon Kifi.
Seligmann Kifi — Seligmann Kifi.
Veit Kifi — Veit Kifi.
Wolf Kifi - Wolf Kifi.
Abraham Jakob — Abraham Kurz.
Elias Levi — Elias Levi.
Hoseph Levi — Joseph Levi.
Abraham Marx — Abraham Marx.
Hirsch Marx — Hirsch Marx.
Leopold Marx — Leopold Marx.
Liebmann Marx — Liebmann Marx.
Lämle Isak — Lämle Neuburger.
Isak, Gütel und Vögele Neuburger erhielten im Jahre 1853 den Namen 'Ney.'
Jakob Isak — Jakob Rosental.
Simon Veit — Simon Schweizer.
Marx Strauß — Marx Strauß. |
Herz Jakob — Herz Weil.
Jakob Herz — Jakob Weil.
Leopold Jakob — Leopold Weil.
Marx Herz - Marx Weil.
Löb Wolf - Löb Wolf
Mühlen:
Jakob Bloch — Jakob Bloch.
Jakob Degginger — Jakob Degginger.
Isak Gabriel — Isak Engel.
Liebmann Engel — Liebmann Engel.
David Gidion — David Gidion. .
Hona Götz — Hona Götz.
Maier Götz — Maier Götz.
Jakob Hayum — Jakob Heymann.
Abraham Joseph — Abraham Hilb.
Moses Hirsch — Moses Hirschel.
Moses David — Moses Klein.
Salomon David — Salomon Klein.
Wolf David - Wolf Klein.
Benjamin Levi — Benjamin Levi.
Leopold Levi — Leopold Levi.
Maier Löb — Löb Maier.
Jakob Moyses — Jakob Stein.
Veit Hirsch Levi - Hirsch Weil.
Joseph Levi - Joseph Weil.
Jakob Wolf - Jakob Wolf. |
Rexingen.
Abraham Leopold - Abraham Bernheim.
Leopold Abraham Leopold Bernheimer.
Simon Isak - Simon Bischofsheimer.
Abraham David - Ebstein.
Emanuel Levi — Emanuel Freiburger
Leopold Mos. Levi — Leopold Freiburger.
Moses Leopold Levi - Moses Freiburger.
Abraham Wolf Abraham Fröhlich.
Elias Isak — Elias Fröhlich.
Jakob Joseph — Jakob Fröhlich.
Isak Abraham Isak Abraham Fröhlich.
Isak Abraham Isak Abraham Fröhlich.
Wolf Abraham — Wolf Abraham Fröhlich.
Bär Gidion — Bär Gidion.
Raphael David — Raphael Gideon.
Sperez Gideon — Sperez Gideon.
Bär Gidion - Bär Gidion.
Emanuel Gidion - Emanuel Gidion.
Samuel Meier - Meier Guggenheimer.
Veit Hirsch — Veit Hirsch.
|
Jakob Moses — Jakob Hirschfelder.
Jakob Hirsch — Jakob Hopfer.
Hirsch Wolf - Hirsch Wolf Königsberger.
Bär Isak — Bär Isak Landauer.
Isak Joseph — Isak Joseph Landauer.
Joseph Isak — Joseph Landauer.
Veit Isak - Veit Isak Landauer.
Isak Samuel — Isak Lemberger.
Salomon Isak — Salomon Lemberger.
Abraham Levi — Abraham Levi.
Josua Bär Levi — Josua Bär Levi.
Liebmann Levi — Liebmann Levi.
Elias Levi — Elias Levi.
Moses Levi — Moses Levi.
Salomon Hirsch - Salomon Löwengart.
Isak Hirsch — Isak Hirsch Löwengart.
Isak Hirsch — Isak Hirsch Löwengart.
Raphael Hirsch Raphael Hirsch Löwengart. Rüben Beit — Rüben Löwengart.
Jakob Beit — Jakob Löwengart.
David Levi — David Löwenstein.
Leopold Levi — Leopold Löwenstein.
Judas Baruch Hirsch — Judas Neckarsulmer.. |
Abraham
Hirsch — Abraham Neckarsulmer.
Moses Hirsch — Moses Neckarsulmer.
Maier Hirsch — Maier Neckarsulmer.
Joseph Neuburger — Joseph Neuburger.
Salomon Herz — Salomon Nördlinger.
Veit Herz — Veit Nördlinger.
Isak Simon — Isak Simon Ottenheimer.
Emanuel Pikard — Emanuel Pikard.
Abraham Samuel — Abraham Preßburger.
Jakob Samuel — Jakob Samuel Preßburger.
Joseph Samuel — Joseph Samuel Preßburger.
Liebmann Isak — Liebmann Isak Schwarz.
Wolf Isak — Wolf Isak Schwarz.
Baruch Lazarus — Baruch Lazarus Stern.
Wolf Lazarus — Wolf Stern.
Jakob Hirsch — Jakob Hirsch Straßburger. |
Jesaias Hirsch — Jesaias Straßburger.
Abraham Mändle — Abraham Wälder.
Mendle Simon - Emanuel Simon Wälder.
Salomon Mändle - Salomon Wälder.
Bär Mendle — Bär Wälder.
Wolf Mändle - Wolf Wälder.
Aaron Moses - Aaron Weil.
Marx Levi — Marx Weil.
Veit Moses — Veit Moses Weil.
Maier Schmai - Maier Weiler.
Mühringen:
Abraham David — Abraham David Bach.
David Marx — David Marx Bach.
Max Herz — Max Herz Baisinger.
Joseph David Berlizheimer - Joseph David Berlizheimer. |
Isak
Hirsch Bernheim.
Isak Levi - Isak Bloch. !
Salomon Levi — Salomon Bloch.
Mendel Degginger — Mendel Degginger.
Simon Degginger — Simon Degginger.
Jakob Ebstein.
Maier Moses — Maier Moses Elsässer.
Moses Seligmann — Moses Elsässer.
Joseph Eßlinger.
Emanuel Veit — Emanuel Feichtwangen.
Marx Hirsch — Marx Hirsch Feigenheimer.
Hirsch Löb — Hirsch L. Fellheimer.
Maier Löb — Maier Löb Fellheimer.
Jakob Leobold — Jakob Leop. Fürst. Haium Moises — Haium Gailinger. Joseph
Marx — Jos. Marx Grünwald. Raphael Marx Grünwald.
Hirsch Jakob Guggenheimer. Marx Hirsch Guggenheimer.
Jakob Häuser. |
Lehmann Hirsch — Lehmann Häuser.
Isak Simon Heilbronner.
Moses Jakob — Moses Jak. Heinsfurter.
Salomo» Simon — Sal. Simon Heinsfurter.
Joseph Gabriel Levi — Joseph Levi Herzfelder.
Emanuel Samuel — Emanuel Hochberger.
Joseph Raphael — Joseph Landauer.
Veit Hirsch Levi — Veit Hirsch Levi.
Joseph Haium Levi — Joseph Löwenthal.
Maier Levi — Maier Levi Neuhauser.
Götz Ottenheimer — Götz Ottenheimer.
Jakob Oettinger.
Salomon Oettinger.
Wolf Oettinger.
Josua Abraham — Josua Perlen.
Kaufmann Abraham — Kaufmann Abr. Perlen.
|
Salomon
Polack.
Leopold Veit — Leopold Veit Reinauer.
Veit Leopold — Veit Leopold Reinauer.
Bär Isak — Bär Isak Ries.
Emanuel Salomon — Emanuel Salomon Ries.
Isak Salomon — Isak Salomon Ries.
Emanuel Rotschild — Emanuel Rotschild.
Abraham Maier — Abraham M. Rosenfeld.
Maier Jakob — Maier Jakob Rosenfeld.
Hirsch Maier — Hirsch Maier Rosenfeld.
Leopold Maier — Leopold Maier Rosenfeld.
|
Samuel Maier — Samuel Maier Rosenfeld.
Jakob Marx — Jakob Marx Rosental.
Salomon Joseph - Salomon Joseph Schildacher.
Koßmann Löb — Koßmann Löb Schilling.
Moses Löb — Moses Löb Schilling.
Jakob Joseph — Jakob Schwarzmann.
Maier Schwarzmann.
Marx Schweizer — Elias Schweizer.
Jakob Schwarz — Abraham Schweizer.
Jakob Schweizer — Kusel Schweizer.
Sußmann Marx — Sußmann Marx Steinharter.
Alexander! Weil — Gabriel Weil. |
Staatsbeitrag
für die Erwerbung und die Einrichtung von Rabbinerwohnung und Schulhaus
(1846)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 20. April
1846: "4. März. Die israelitische Gemeinde Mühringen hat zu den Kosten der
Erwerbung und baulichen Einrichtung einer Rabbinerwohnung und eines
Schulhauses einen Staatsbeitrag von 300 fl. erhalten." |
Bedeutende
Stiftung, die auch jüdischen Gemeindegliedern zugute kommt (1881)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. November
1881: "Aus dem Horber Oberamte, 23. Oktober (1881). Kürzlich ist
die Ortschaft Mühringen durch ein sehr ansehnliches Legat im Betrage
von 22.000 Mark freudig überrascht worden. Der Legatar, Herr K. Fischer
[Christ], der ein treuer Sohn Mühringens ist, in der Residenz wohnhaft war,
und daselbst verstorben ist, hat testamentarisch bestimmt, dass ein Teil der
Zinsen für Studienzwecke, ohne Unterschied der Konfession und des
Geschlechtes, ein anderer zur Unterstützung armer Greise, gebrechlicher
Personen, sowie Witwen und Waisen verwendet und ein kleiner Teil des
Ertrages dem Schulfond zufließen solle." |
Umstrittene
Stiftungen des Freiherrn von Münch für die Synagoge (1890)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 28. Juli 1890: "Berlin, 17. Juli. Im Druck ist erschienen
der Bericht der Wahlprüfungskommission über die Wahl des Abgeordneten
Freiherrn von Münch im 8. Wahlkreis des Königreichs Württemberg. Gegen diese
Wahl ist Protest eingelegt worden, mit dem Erfolge, dass die Kommission
beschlossen hat, die Erklärung der Gültigkeit auszusetzen. Auf Grund des
Protestes erachtet die Kommission unter anderen für tatsächlich feststehend,
dass der Abgeordnete Freiherr von Münch im August 1889 der israelitischen
Gemeinde in Mühringen, seinem Wohnorte, in Veranlassung der Renovierung der
Synagoge zwei silberne Leuchter versprochen und diese Leuchter im Oktober
1889 zum Preise von 1016 M. käuflich angeschafft hat. — Freiherr
Oskar von Münch hat eine längere Widerlegung des Protestes geliefert, der
wir nachstehende Stelle entnehmen: Ich soll die Stimmen der Israeliten durch
Stiftung zweier Leuchter — welche 1016, nicht 1060 Mk. kosteten — in die
Mühringer Synagoge gekauft haben. Im Mai vorigen Jahres hatte in Mühringen
die Einweihung eines von mir in die katholische Kirche gestifteten
Hochaltars stattgefunden: die Israeliten hatten gleichzeitig 4- bis 5000 M.
auf die Renovierung ihrer Synagoge verwendet, und es wäre unbillig gewesen,
hätte ich nicht auch zur Verschönerung ihres Gotteshauses einen Teil
beitragen wollen; ich versprach die Leuchter im August und sie gelangten
Ende Oktober in die Hände der Genannten. Die Vernehmung des Rabbiners Dr.
Jaraczewsky und der übrigen Mitglieder des Kirchenvorstandes würde ergeben,
dass ich mit keiner Andeutung je die Erwartung ausgesprochen, die Israeliten
möchten wegen jener Spende für mich stimmen; tatsächlich hatte ich bis Ende
Januar nicht in meinem heimatlichen Bezirke zu kandidieren beabsichtigt." |
"Brief aus dem Schwarzwald" mit
Schilderungen u.a. der jüdischen Gemeinden in Mühringen und Nordstetten
(1921)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 16. September
1921: "Brief aus dem Schwarzwald. Von E. Capell
(Wiesbaden).
Nordstetten,
Horb! Wie vertraut klingen der fühlenden
Seele diese Namen! Schöne Wochen habe ich diesmal im Schwarzwald zugebracht,
und all die lieben Auerbachschen Gestalten, die mir von früher Jugend an
lieb sind, stehen vor meiner Seele. Wo die Heyerle grüßt mich freundlich von
dem Horber Klosterberge, und Barfüßele wandert neben mir nach Ehringen und
Ahldorf; auch erscheint es mir im Moosbrunnenwalde, der ja heute nur
Brunnenwald heißt. Neben dem schönen Schloß in Mühringen erscheint mir das
freundliche, weißblonde Tonele mit seinem heißen Blut, und der Tolpatsch
nimmt traurigen Abschied von der geliebten Heimat.
Aber auch mein jüdisches Interesse findet in dieser Gegend Nahrung. Aber
traurig, bitter traurig sieht es hier aus!
Ja — die Menschen, die ich dort gesehen habe, tragen noch voll Stolz ihrer
großen alten Überlieferung Rechnung, aber es sind ja nur noch Überbleibsel
der früheren blühenden jüdischen Gemeinden!
Welche Denkmäler einstiger Größe sind da vorhanden! Prachtvolle, geräumige
Synagogen, weiträumige Schulhäuser, aber alles ziemlich verödet. Nur die
Friedhöfe, sie sind leider vollzählig belegt, die Grabstätten zählen nach
Hunderten.
Gegenwärtig wird der wunderschön gelegene, weite, alte
Friedhof in Mühringen in Ordnung
gebracht; die Wiederherstellungsarbeiten erfordern natürlich beträchtliche
Mittel, die von der kleinen Gemeinde allein nicht aufgebracht werden können.
Trotzdem geht man mit Mut und unter beträchtlichen persönlichen und anderen
Opfern an das Werk. Mögen doch Interessenten und Wohltäter sich finden, die
hier tatkräftige Unterstützung gewähren! Insbesondere ist es doch wichtig,
diese Fundgruben der geschichtlichen Wissenschaft zu |
pflegen
und zu erhalten. — Von Mühringen, meinem Standort, wo ich sehr gut
untergebracht war, besuchte ich die umliegenden, mir so wichtigen Orte.
So dachte ich mir Nordstetten
doch anders — mehr in waldiger Umgebung. Es liegt, von einer unendlichen
Flur umzogen, auf einer weiten Hochfläche in einer Talsenke. Viele Häuser
sind neu und teilweise städtisch. Der Ort unseres Auerbach, der doch dem
jüdischen Lehrer seiner Heimat ein so herrliches Denkmal im Lauterbacher
gesetzt hat, hat jetzt überhaupt keine jüdische Schule mehr. Die wenigen
Kinder werden von auswärts besorgt, ein Lehrer ist nicht mehr am Platze; die
kleine jüdische Gemeinde geht so unaufhaltsam dem Verfall entgegen.
Ähnlich steht es in Mühringen mit seiner groß angelegten Synagoge. Dieser
herrlich gelegene, von dichten Waldungen umgebene Platz war einst der Sitz
einer der bedeutendsten jüdischen Gemeinden Württembergs. Der Rabbiner des
Schwarzwaldkreises hatte hier seinen Sitz; eine öffentliche jüdische Schule,
zahlreich besucht, verbreitete ihren Segen. Männer wie D. Silberstein,
Wassermann waren die Zierden des Rabbinats, und die Bildung der noch dort
wohnenden wenigen Gemeindemitglieder legt beredtes Zeugnis ab für das
durchgreifende Wirken der genannten Institutionen. - Ein alter pensionierter
Lehrer, ein fast 80jähriger Greis, dessen geistige und körperliche Frische
bewundernswert ist, wohnt noch am Platze. Er hat Größe und Verfall der
Gemeinde miterlebt. Wie mag ihm das Herz bluten beim Anblick des leeren
Gotteshauses gelegentlich der Gottesdienste, die er regelmäßig besucht.
Die jüdische Volksschule ist in eine Religionsschule umgewandelt, die
gegenwärtig von einem jüngeren Lehrer versehen wird. Ich erlebte die
interessante Episode, dass die Behörde diesen jungen Mann versetzen wollte,
ohne die Stelle wieder neu zu besetzen. Da erhob sich aber die ganze
Gemeinde zu einem wuchtigen Protest, man musste diesen letzten Rest
einstiger zahlreicher Institutionen mit allen Mitteln erhalten und
erreichte, dass die bereits erlassene Verfügung rückgängig gemacht wurde.
Dieser Protestversammlung habe ich als stiller Zuhörer angewohnt und dort
gesehen, wes Geistes Kinder die Mühringer Juden sind. Es ist Tradition in
diesen Menschen. Eines Morgens ist Jahrzeit. Wie erstaune ich, als ich einen
Mann am 'Hellen" Werktage im Zylinderhut über die Straße zur Synagoge gehen
sehe. Der Mann ehrt so das Andenken seines Verstorbenen. Wie ist dies in
unseren modernen Großgemeinden?
Ich finde diese schwäbischen Juden völlig assimiliert. Sie denken nicht
daran, dass sie andere als religiöse Verbindung mit den Juden der Welt
haben. Dem Zionismus stehen sie hier ganz verständnislos gegenüber. Sie sind
ganz selbstverständlich (sic!) Schwaben von intensiv betätigter jüdischer
Religion. Als zur Linderung der Not der Ostjuden aufgefordert wird, schließt
man sich natürlich nicht aus — das tut kein Jude. Aber man kann häufig
Bemerkungen hören, wie: 'Warum so viel jetzt ins Ausland, wo doch
Deutschland so sehr Not leidet.' Das kommt diesen Leuten, die wahrhaft
deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens sind, aus dem innersten Gefühl. Ich
habe diesen Typ überhaupt hier zum ersten Male in voller Form
gesehen.
Das Traurigste, was mein Auge sehen musste, war in Dettensee, ebenfalls ja
in Auerbachs Dorfgeschichten genannt. Eine prachtvolle Synagoge, weit gebaut
und gewiss eine Zierde des Ortes, ist völlig dem Verfall anheimgegeben. Die
Fenster sind eingeschlagen, so dass man die schöne Inneneinrichtung durch
die 'offenen Höhlen' bewundern kann.
Noch ein Haushalt ist der letzte Rest einer einst nach Hunderten
zählenden Gemeinde. Wer sorgt für die Erhaltung dieser heiligen Stätten? Der
mit einer hohen Mauer umgebene Friedhof scheint noch gut in Ordnung zu sein.
Ganz anders steht es in dem im nahen Hohenzollern gelegenen Städtchen
Haigerloch. Die Lage dieses Ortes ist
durch die Natur auch recht begünstigt, wenn auch die Waldungen nicht so
reich, dicht und schattig sind wie im nahen Mühringen. Aber eine
blühende jüdische Gemeinde habe ich hier kennen gelernt. Zahlreiche jüdische
Kinder beleben die Straßen, und mir scheint, dass hier die Juden in einem
freigewählten Getto in der Nähe der schönen Synagoge wohnen. Ich will nicht
verschweigen, dass mir einzelne Stammesbrüder einen dementsprechenden
Eindruck machten. In der Nähe der Synagoge liegt auch gleich der
wohlgepflegte 'Gute Ort'. Alles beieinander, wie bei den christlichen
Mitbürgern auch. Auch ein stattlicher jüdischer Gasthof ist vorhanden.
Haigerloch hat sogar einen jüdischen
Männergesangverein von ungefähr 50 Mitgliedern, welcher in der Zeit meines
Dortseins von Sängerfesten zweimal preisgekrönt heimkehren durfte. Ich habe
niemals gehört, dass der Antisemitismus dort größer ist wie anderswo. Im
Gegenteil: die Heimkehrenden, die ihrer Heimat Ehre gemacht hatten, wurden
von der ganzen Einwohnerschaft unter Jubel in ihr Vereinslokal geleitet. Die
jüdische Schule, die den Antisemitismus nach unserer Meinung so sehr
'befördern soll', wirkt in dieser Gegend klassen-versöhnend, nicht-trennend.
Haigerloch hat natürlich eine
gutbesuchte jüdische Volksschule mit einem allseitig verehrten tüchtigen
Lehrer.
Auch die Stadt der Hohenzollern-Burg,
Hechingen, habe ich aufgesucht und die dortigen jüdischen Stätten
besichtigt. Nur wenige Kinder besuchen dort die jüdische Volksschule; die
meisten Eltern schicken begreiflicherweise ihre Kinder in die höheren
Schulen, die sich am Platze befinden.
Hechingen und
Haigerloch waren einst bedeutende
Rabbinatssitze — die Lehrer führen daher den Titel 'Rabbinatsverweser'.
Reiche Stiftungen sind in beiden Gemeinden vorhanden für Wohltätigkeit und
Beförderung jüdischen Wissens. Auch Mühringen hat eine Reihe
derartiger Stiftungen und Vereine.
Verfall und Blüte — auch Aufschwung — habe ich also in diesen Gemeinden
bemerken können. Der Weltkrieg hat hier mit seinen Wirkungen teilweise
hemmend gegen die 'Landflucht' eingegriffen. Wohnungsnot wie
Nahrungsmittelteuerung und die sonstigen Unannehmlichkeiten haben dem Juden
auf dem Lande erst den Wert der Heimat nahe gebracht.
Der Zug nach der Großstadt scheint hier für einige Zeit zum Stillstand
gekommen zu sein.
Es gibt sogar Mittel, hier neues jüdisches Leben zu entfachen! Doch davon
ein anderes Mal. |
Über das
"Schwarzwaldheim" in Mühringen
Einrichtung einer "Kinder-Pflege der Stuttgart-Loge"
(1924)
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württemberg" vom 15. Juli
1924: "Kinder-Ferienpflege der Stuttgart-Loge.
In Mühringen ist der frühere Gasthof zum Bären vom Ferienkolonie-Ausschuß
der Stuttgart-Loge käuflich erworben und für die Zwecke eines Ferienheims
vollständig neu eingerichtet worden. Schon in diesem Jahre können dort 25—30
Kinder Aufnahme finden. Zur Beaufsichtigung der Kinder ist eine geprüfte
Kindergärtnerin bestellt worden. Die schöne gesunde Lage Mühringens, die
unmittelbare Nähe des Stahlbades Imnau, dessen Benützung den
Ferienkolonisten freisteht, und eine zweckentsprechende kräftige Kost bieten
den Kindern Gelegenheit sich zu erholen. Es sind noch einige Plätze für
Kinder aus dem deutschen Mittelstande frei. Meldungen sind sofort an Frau H.
Rosenbusch. Hohenstaufenstraße 30 (sc. Stuttgart) zu richten." |
Anzeigen des "Schwarzwaldheimes" (1930 /
1932)
Anzeige in der "Gemeinde-Zeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württemberg" vom 1. März
1930:
"SCHWARZWALDHEIM der Stuttgart-Loge Mühringen bei Horb.
Gute rituelle Verpflegung, fließendes Wasser, Liegehalle, Stahlbäder in der
Nähe - Leitung durch geprüfte Krankenpflegerin, ärztliche Aufsicht
KURPERIODEN:
3. Juni bis 30. Juni - 1. Juli bis 28. Juli - 29. Juli bis 26. Aug.
und eventuell noch eine vierte Periode
Juli u. August sind für Kinder von Logenbrüdern vorgesehen. Anmeldungen sind
zu richten an:
Frau Grete Adelsheimer, Stuttgart, Hospitalstraße 36." |
| |
Anzeige in der "Gemeinde-Zeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württemberg" vom 1. Mai 1932:
"SCHWARZWALDHEIM der Stuttgart-Loge Mühringen bei Horb.
Gute rituelle Verpflegung, fließendes Wasser, Liegehalle,
Schwimmgelegenheit, Stahlbäder, Beaufsichtigung durch geprüfte
Kindergärtnerinnen unter Leitung einer ausgebildeten Krankenschwester -
Arztliche Aufsicht
Geöffnet ab 1. Juni 1932:
Juli u. August sind für Kinder von Logenbrüdern vorgesehen. Vor den Ferien
können auch junge Mädchen aufgenommen werden. Anmeldungen sind zu richten
an:
Frau Berte Halle, Stuttgart, Lessingstraße 7" |
Anzeigen des "Schwarzwaldheimes" (1936 /
1937)
Anzeige in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung"
vom 1. Juni 1936: ""Schwarzwaldheim
der Israelitischen Religionsgemeinde Groß-Stuttgart (früher
Schwarzwaldheim der Stuttgart-Loge)
Mühringen bei Horb am Neckar
Unser gut geführtes Kinderheim nimmt auch in diesem Jahre in den Ferien
wieder erholungsbedürftige Kinder auf. Preis pro Tag RM 3,-.
Sofortige Anmeldungen mit Angabe der gewünschten Zeit sind bis 15. Juni
dieses Jahres zu richten an
Frau Liesl Holzinger, Stuttgart, Albert-Schäffle-Straße 122.
Fernsprecher 40288." |
| |
Anzeige in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung"
vom 1. Juni 1937: "Schwarzwaldheim
der Israelitischen Religionsgemeinde Groß-Stuttgart (früher
Schwarzwaldheim der Stuttgart-Loge)
Mühringen bei Horb am Neckar
Unser gut geführtes Kinderheim nimmt auch in diesem Jahre in den Ferien
wieder erholungsbedürftige Kinder auf. Preis pro Tag RM 3,-. Badegelegenheit
vorhanden.
Sofortige Anmeldungen mit Angabe der gewünschten Zeit sind bis 30. Juni 1937
zu richten an
die Israelitische Gemeindepflege Stuttgart, Hospitalstraße 36/II.
Tel. 90351/52." |
Stuttgarter
Jugendliche im Schwarzwaldheim in Mühringen (1934)
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württemberg" vom 1. Februar
1934:
Foto mit Untertitel: "Es war ja so schön in Mühringen! Stuttgarter
jüdische Jugend aus der Ferienkolonie des Reichsbundes jüdischer
Frontsoldaten". |
Winterferien der Jugend des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten aus Stuttgart
im Schwarzwaldheim Mühringen (1935)
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württemberg" vom 16. Januar
1935: "Stuttgart. Reges Leben herrschte am 24. Dezember
vorigen Jahre im Hotel Westheimer, wo sich die R.j.F (Reichsbund jüdischer
Frontsoldaten -) Jugend versammelte, um nach vorhergehender Untersuchung
durch Dr. Siegfried Saenger in die Winterferien ins schöne
Schwarzwaldheim nach Mühringen zu fahren. Bepackt mit Skiern. Schlitten,
Schlittschuhen und Rucksäcken ging's dann zum Omnibus, und die fröhliche
Schar erreichte schnell das Ziel. Allmorgendlich galt der erste Blick dem
Wetter, aber der Schnee wollte nicht kommen, und dafür schien die Sonne warm
wie im Frühling. Täglich traten die Kinder begeistert zur Gymnastikstunde
von Ruth Liebmann an, die es besonders fein verstand, auch die
Bequemsten aus der Schar durch Turnen und Spiel aufzufrischen. Schöne
Spaziergänge durch die Wälder, Reigen- und Ballspiele im Freien und am
Spätnachmittag Gesellschaftsspiele aller Art, Gedichtvorträge, Musik usw.
füllten den Tag aus. Schöne Kameradschaft vereinte 'die Tantens' mit der
Kinderschar, und die von den früheren R.j.F.-Ferien beliebte Tante Agnes
Heinsfurter hatte bald mit den Jungens und Mädels innigen Kontakt.
Schwester Lotte Mayer hatte reichlich Mühe, die lebhaften Gemüter -
wenn der abendliche Ruf 'Marsch, ins Bett' ertönte - zu dämpfen, allein dies
gelang ihr immer in bester Weise. Die gute Küchenführung von Frl.
Gailinger trug neben Luft und Sonne wesentlich zur Erholung der Kinder
bei, die in den Ferien in echter Kameradschaft und sportlichem Geiste geeint
wurden." |
Beitrag
von Wolf Berlinger über "Jüdische Jugend im Mühringer
Schullandheim" (1934)
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württemberg" vom 16. Juli 1934: "Jüdische Jugend im
Mühringer Schullandheim.
von Lehrer Wolf Berlinger, Stuttgart.
Wie wir in letzter Nummer schon mitgeteilt haben, befinden sich die Kinder
der 2. Klasse (2. und 3. Schuljahr) unserer Jüdischen Schule zurzeit in
einem Schullandheim in Mühringen. Die Gründe, die zur Durchführung dieses
Aufenthalts führten, legte Lehrer Berlinger vor kurzem in einem Elternabend
dar. Die nachfolgenden Ausführungen sind auszugsweise seinem Referat
entnommen. Die Schriftleitung.
Das menschliche Leben ist nur in Gemeinschaft denkbar, ohne Gemeinschaft
wird es leer, in der Zerklüftung der Menscheneinheit lauert der Untergang.
Wenn Judentum und Christentum die Nächstenliebe als Grundlage aller Religion
hinstellen, so begegnen sich hierin höchste göttliche Weisheit mit uralter,
menschlicher Erfahrung.
Will man junge Menschen zu lebenstüchtigen, ihren Platz gut ausfüllenden
Menschen erziehen, so muss neben der geistig-seelischen die
gesellschaftliche, soziale Erziehung stehen.
Im normalen Leben sind es im wesentlichen zwei Mächte, in deren Hand
die Erziehung des reifenden Menschen liegt: Elternhaus und Schule. Während
das Elternhaus in erster Linie das körperliche und das
charakterlich-religiöse Wachstum des Kindes pflegt, ist die Schule mehr die
Bildungsstätte der geistigen und sozialen Seiten im Schüler. Diese
Zweiteilung gestaltet sich unter günstigen Umständen zu einem segensreichen
Ineinander- und Miteinanderschaffen, die Umkehrung rächt sich in einem
schädlichen Gegeneinander- und Auseinanderarbeiten.
Es liegt im Wesen des Menschen, alle Lebenserscheinungen zu
vereinheitlichen, sehen wir doch im ganzen Leben der Natur dieses Sehnen.
Die Gegenwart mit ihrer mächtig flutenden Rückkehr zur Natur mündet deshalb
in ein alle Bezirke des Lebens umfassendes Totalitätsstreben. Auch in der
Erziehung ist der Drang nach Einheit zur Tagesförderung geworden.
Es gab schon eine Zeit, in der diese Einheit der Erziehung vorhanden war,
damals, als der Vater noch Erzieher und Lehrer in einer Person war. Dieser
patriarchalische Zustand wurde von der fortschreitenden Kulturentwicklung
hinweggefegt. Vermehrte Anforderung des Berufs einerseits. Anwachsen des
Wissens und der Lernstoffe andererseits, ließen diese einheitliche Erziehung
im Elternhaus nicht mehr zu. So entstand die Bewegung, die Schule zur
Erziehungseinheit auszugestalten. Das ganze Familienleben soll danach in
Erziehungsheime hinübergeleitet werden und darin aufgehen. Es ist dies das
sozialistische Erziehungsziel. Für uns hiesige Juden kommt diese extreme
Lösung nicht in Betracht: die Gründe zuzählen, würde zu weit führen. Da aber
in allen Strömungen ein wahrer Kern steckt, der nur in richtigen Formen
genossen werden muss, kristallisierte sich bei uns aus dem sozialistischen
Erziehungssystem der Gedanke des Schullandheims heraus. Als Ausgleich für
die Ferien und Feiertage, in denen ja das Elternhaus ihren
Totalitätsanspruch auf das Kind verwirklichen kann, sollte wenigstens einmal
im Jahre für einige Wochen die Schule die einzige Erziehungsmacht im Leben
des Kindes sein. Bedenken tauchen dagegen auf: Ausschaltung des
Elternhauses, Trennung von den Eltern (für Eltern und Kind), Einflüsse des
Heimes, die nicht unter der Kontrolle der Eltern stehen, und last not least:
das Geld! Doch die |
Vorteile
überwiegen: bei näherem Betrachten stellen sich sogar die anfänglichen
Bedenken als Vorzüge heraus. Gerade das Stadtkind, das sein Leben zum großen
Teile in einem Häusermeer zubringen muss, wo Fabrikrauch und Straßenstaub
die Lungen durchfluten, wo Autolärm und Motorgeratter die Nerven
unterminieren und wo Luft, Licht und Sonne nur für Geld zu kaufen sind.
gerade da sind Durchlüftung und Sonnenbestrahlung unbedingte Notwendigkeit.
Neu ist wohl diese Erholung auch bei Privatpersonen auf dem Lande zu
ermöglichen. Doch unser Ziel ist ein viel weitgehenderes! Nicht vorbeugende
Erholungsfürsorge allein soll das Schullandheim sein, nicht nur den Körper
stählen, ihn ertüchtigen und widerstandsfähig gegen Erkältungskrankheiten
machen, darüber hinaus soll das Kind vor allem die Gemeinschaft erleben, so
erleben, dass es nachwirkend in seinem Tun und Lassen spürbar wird.
Nicht mit Belehrungen allein, kann das Kind sozial erzogen worden. Diese
sind nur Oberbau: der Unterbau jedoch, die in die Tiefe gehende und allein
bleibende Erziehung kann einzig aus gemeinsamem Tun entspringen.
Solidarisches Erleben zwingt zu solidarischem Verhalten. Die
Schulgemeinschaft, die sonst nur im Zusammenlernen und Zusammensein der
Schüler für einen Teil des Tages sichtbar wird, dehnt sich aus auf das
Essen, das Schlafen, die Freizeitgestaltung. Alle sozialen Unterschiede
fallen weg, man gehört zusammen, lebt zusammen und fühlt sich infolge dessen
zusammengehörig. Wer sich nicht fügt, wird abgestoßen: Sympathie und
Antipathie kommen viel stärker und naturhafter zum Ausdruck. So wird die
Schule im Schullandheim zu einer wahren Vorschule des wahren Lebens. Zu
diesem sozialen Augleich, der die Kinder unter gleichen Gesetzen und
Verhältnissen im Heim leben lässt, treten die noch wenig gewürdigten, aber
äußerst günstigen Wirkungen der Milieuverpflanzung. Gerade in der jüdischen
Familie, in der die Verzärtelung und Unselbständigkeit des Kindes oft krasse
Formen annehmen, ist die Trennung von Eltern und Kinder für beide Teile auf
einige Wochen im Jahre dringend notwendig. Auf diese W eise wird eine später
notwendig werdende Trennung vorbereitet und erleichtert. Andeutungsweise
soll nur von den reichen Möglichkeiten praktischer Betätigung der Schüler
gesprochen werden, die gerade im Zeitalter der Berufsumschichtung von
unschätzbarem Werte sind.
Mit Recht wird man einwenden, dass all diese Vorteile auch in Ferienheimen
zu erzielen sind, wozu also ein Schullandheim! Diese Frage leitet uns zum
wichtigsten Kapitel des Schullandheimgedankens über. Im Unterricht versuchen
wir durch Blumenbeete, Aquarien und gelegentliche Spaziergänge den Kindern
schlecht und recht eine Anschauung vom Leben der Natur zu geben. Wollen wir
ihnen aber die wahre Gestalt der Natur zeigen, nicht nur in künstlichen
Ausschnitten und schematischen Darstellungen. so müssen wir sie mitten
hineinführen ins Weben und Leben, in die Grüße und Schönheit von Wald und
Feld, von Dorf und Flur.
Auf sich allein angewiesen, bleibt jedoch der Durchschnittsschüler an der
Oberfläche hängen, am Zufälligen kleben. Soll er aber in die Tiefe des
Naturerlebnisses eintauchen, wollen wir sein äußeres und inneres Auge für
die Geheimnisse und Werte des Naturreiches öffnen, so muss er planmäßig
geleitet und von kundiger Hand geführt werden. Im Schullandheim findet der
Unterricht im Freien statt, ist die freie Natur Gegenstand der Unterweisung:
so konzentriert sich der gesamte Lehrstoff um die Heimatkunde. Hier entsteht
persönlich erlebtes Heimatgefühl, sprosst wohltuende Natürlichkeit und
vertieft und verschönt das schulische Leben. Vom Flüstern des Waldes
umrauscht, vom schweigenden Arbeiten der Blätter zum stillen Betrachten
angewiesen und in die enge Gemeinschaft von Lehrer und Kameraden
eingebettet, keimt dann ein vertieftes Verhältnis zur Natur, bildet sich ein
inneres Kraftzentrum zur lustvollen Arbeit und wächst ein starkes
Verbundenheitsgefühl empor. Das nervöse jüdische Kind, der vom
Sprachlich-Formalen beherrschte jüdische Jugendliche spürt die beruhigende
Wirkung des Waldes, empfängt Ehrfurcht vor der schweigenden Größe der Natur
und wird aufgelockert für das Einströmen des Göttlichen.
Gefühle zerfließen leicht, müssen zur Tat umgeformt werden.
Religiös-häusliches Leben und Sabbatgestaltung, auswertende. Arbeit und froh
bewegte Freizeit sollen wirklichkeitsnahe Ausdrucksformen der strömenden
Gefühle werden.
Die drei Wochen Aufenthalt im Schullandheim Mühringen sollen Lehrer und
Schüler mit seelischem Reichtum und körperlicher Kräftigung erfüllen, die
fortwirkend das nachfolgende Schulleben in Stuttgart überstrahlen bis das
nächste Jahr von neuem dieses starke Erlebnis- bringt.. |
Beitrag von Wolf Berlinger über jüdische
Schullandheime, darin Näheres zum Schwarzwaldheim in Mühringen
(1935)
Artikel in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung"
vom 15. Oktober 1935: "Schafft jüdische Schullandheime. Von Wolf
Berlinger - Stuttgart
(Fortsetzung u. Schluß)
Es wurde beschlossen, vorerst einmal versuchsweise die II. Klasse (2. und 3.
Schuljahr) unter meiner Leitung für drei Wochen in ein Schullandheim zu
schicken. Hierzu war das Ferienheim (Schwarzwaldheim) der Stuttgart-Loge in
Mühringen bei Horb bereitgestellt worden. Ein in dieser Angelegenheit
erfolgreich verlaufener Elternabend ließ die große Freude der Eltern an
diesem Plane erkennen. So dampfte ich endlich mit meinen 26 Kindern (11
Buben und 15 Mädchen) am 4. Juli nach Mühringen ab. Dort verlebten wir drei
wirklich schöne und wertvolle Wochen. Unser zusammengesetztes
Schüler-Tagebuch, aus dem Teile in der Kinderrundschau abgedruckt waren,
beweist dies mit überzeugender Klarheit. Ebenso eindringlich zeigt es die
Fülle von bindenden und tiefwirkenden Erlebnissen, die bei einem
Schullandheim-Aufenthalt auf das Kind einstürmen. Kein Wunder! War doch der
Boden aufgelockert durch ständiges, dien ganzen Lebensbezirk umfassendes
Gemeinschaftsleben; das Klima erwärmt durch sonnige Freude, überstrahlt von
gegenseitiger Kameradschaft und Liebe, manchmal sogar befruchtet von Tränen
erlebten Schmerzes; und diese ganze Atmosphäre bewegt von einem
frisch-fröhlichen Wind der Natürlichkeit und Sportlichkeit. Hier konnte
ausgestreuter Same nicht unfruchtbar bleiben, wie überhaupt das Leben in der
Natur die ganze Erziehung auf eine natürlichere und berechenbarere Grundlage
stellt. Welch reiche Möglichkeiten der Schullandheimaufenthalt gerade für
die heute wieder so stark geforderte jüdische Erziehung bietet, sollen
einige Kurzbilder aus unserem Aufenthalt zeigen. Der Orientierung halber
folgt hier eine gedrängte Darstellung des Tageslaufs in unserem Heim: Um 7
Uhr war großes Wecken. Anziehen, Waschen und Frühgymnastik füllten die Zeit
bis 8 Uhr aus. Vor dem Frühstück sprachen wir gemeinsam das Morgengebet für
Kinder. Dann folgte der Segensspruch über das Essen. Jede Mahlzeit wurde
durch 'das Tischgebet abgeschlossen und zwar die Hauptmahlzeiten durch das
ganze Gebet, sonst nur durch den 1. Abschnitt. Das Tischgebet wurde
abwechselnd von einem Kinde vorgesprochen. Am Sabbat trug ich es vor, da wir
es sangen. Als Auftakt erklang dann das gemeinsam gesungene Schir-Hamaloth
(Psalm 126).
Am Sabbat-Morgen wurde vor dem Benschen noch der Inhalt des laufenden
Wochenabschnitts besprochen, woran sich der Synagogenbesuch anschloß. Den
Vormittag füllten aim gewöhnlichen Tagen Unterrichtsgänge in den- Wald oder
Ausflüge in die weitere Umgebung aus. Dem Mittagessen zwischen 12 und 1 Uhr
folgte strenge Bettruhe bis 2.30 Uhr. Dann durfte bis 3 Uhr liegend gelesen
werden. Nach dem Nachmittagskaffee war gewöhnlich Spiel, Unterhaltung und
Brief- oder Tagebuchschreiben. Um 6.30 Uhr aßen wir zu Nacht. Daran
anschließend sprach ein Kind das Nachtgebet vor. Je nach der verfügbaren
Zeit wurden dann nach der "folgenden großen Körperwäsche
Theatervorstellungen veranstaltet oder Geschichten vorgelesen. Das
'Betthupferle'' (Süßigkeiten) sorgte für einen süßen Abschluss des Tages. Um
8 Uhr war dann absolute Nachtrühe (abgesehen vom Freitag-Abend).
Schon diese kurze Schilderung des Tagesablaufs zeigt das bewußte und sich
stets wiederholende Einbauen religiöser Anordnungen in den Erlebniskreis
der Kinder. Spielend und so nebenbei wird hier Wissen und Üben jüdischer
Bräuche und Vorschriften vermittelt, wozu wir in der Religionsstunde schwere
Opfer an Zeit und Kraft benötigen. Auffallend war hierbei das Benehmen der
Kinder aus unreligiösem Hause, die sich sehr empfänglich für religiöse
Formen zeigten und sich dabei häutig päpstlicher als der Papst benahmen.
Audi der starke Einfluß religiöser Kinder auf ihre weniger religiösen
Kameraden — bei tatkräftiger Unterstützung des Heimleiters — kam hier
deutlich zum Ausdruck. Einführung gewisser religiöser Riten in manchen
Elternhäusern nach der Rückkehr der Kinder und der viel später geäußerte
Wunsch eines Jungen, sein religiöses Leben als Großer nach Mühringer Muster
zu gestalten, zeigen doch mehr als äußere Freude am der neuen
Form. Es ist dies vor allem der Symbolbunger des Jugend- lichen, der einen
sehr fruchtbaren Boden für die Forderung nach jüdischen Riten entstehen läßt.
Verstehen wir dann noch, diesen empfänglichen Seelenboden durch starkes
Erleben und gefühlsbetontes Tun zu unterbauen, so wirken wir stark nach
innen und weit in die Zukunft. Und das Schullandheim bietet auf Schritt und
Tritt echtes jüdisches Erleben — wenn der Führer Auge und Herz dafür hat.
Wir stehen vor dem wogenden, kornschweren Getreidefeld. Das Stadtkind, das
das Brot nur als käufliche Ware keimt, wird seltsam berührt vom
Geheimnisvollen des wachsenden Lebens, von der wunderreichen Entwicklung des
Korns zur Ähre. Von selbst landen wir bei der Frage des Wunders schlechthin.
Wir sprechen vom schweigenden Arbeiten der Blätter, hören schweigend das
tiefe, beruhigende Rauschen des Waldes und empfangen eine kleine Ahnung vom
Weben und Leben, von der Wucht - und der Schönheit der Natur. Hier entsteht
erlebtes Gefühl für den Heimatboden, sproßt echte Natürlichkeit aus innerem
Naturerlebnis und keimt bei Einzelnen Ehrfurcht vor der schweigenden Größe
des Alls. Der innere Boden zum Einströmen des G'ttlichen ist aufgelockert
Das segenschwere Kornfeld veranschaulicht uns die Güte G'ttes, die
wundervollen Formen unserer Umgebung seine Liebe und im furchtbaren,
plötzlich hereinbrechenden Gewitter spüren wir des Herrn Allmacht. Aus
diesen strömenden Gefühlen heraus ersehnt das Kind Danksprüche für das
Essen. Bittgebete um Seinen Beistand und Ausüben religiöser Anordnungen als
Umformung des Eindrucks in einen spürbaren Ausdruck.
Genau so reich sind die Beeinflussunigsmöglichkeiten auf dem Gebiet de_r
Gemeinschaftserziehung. Hier vor allem ist der Platz für die so
inhaltsreichen und schönen jüdischen Erzählungen. Als am Anfang unseres
Heimaufentbalts die Kinder sich im zwei feindliche Parteien teilten, die
schwere Kämpfe miteinander führten, brachte ich unsere Unterrichtsgespräche
gelegentlich auf das friedliche Zusammenleben der Menschen. In den
Mittelpunkt dieser ungezwungenen Unterhaltung stellte ich die jüdische
Erzählung von „Kamza und Bar Kamza", in der 'ein häßlicher Streit zum
^Untergänge des zweiten Tempels führt. Der.bevorstehende Tag der
Tempelzerstörung gab auch einen äußeren Anlaß hierfür. Natürlich fielen sich
die streitenden Parteien nicht sogleich um 'die Hälse. Ich hütete mich, es
zu verlangen. Schließlich ist das Schullandheim keine Wunderfabrik. Aber
ganz kurz danach hörte ich von der Gründung eines Friedensbundes unter den
Kindern — in der Erzählung war davon die Rede gewesen —, es wurden sogar
Orden ausgeteilt und zuletzt waren fast sämtliche Kinder Mitglieder
geworden. Der Friedensbund ging mitsamt seinen Ordern den Weg alles
Irdischen — aber Parteibildungen unter den Kindern konnte ich seither nicht
mehr beobachten.
Und so bot jede Phase des Zusammenlebens, des Teilens von Freud und Leid,
von Süßigkeiten und sonstigen Geschenken ständige Hinweise auf jüdische
Gesetze, jüdische Sagen. An die philosophischen Betrachtungen über den Wert
nutzloser Geschöpfe (Tgb. 4. Tag) schlössen wir die Erzählung von König
David an, in welcher d'er Wert auch unscheinbarster Geschöpfe zum Ausdrucke
kommt. Durch liebevolle Ausschmückung der Geschichte konnte darauf
hingewirkt werden, auch im ekelhaft erscheinenden Tierchen ein g'ttliches
und damit liebenswertes Wesen zu sehen.
Zu einem Erlebnis gestaltete sich auch eine biblische Geschichtsstunde im
Walde. Wir hielten am Bau des Stiftszeltes. Da wuchs vor unseren Augen der
Wald zum G'ttestempel, in dem die Bäume die Säulen darstellten, die Sonne
als Ewiges Lieht erstrahlte, unser Sitz der Altar war und die Naturstimmen
sich in die Laute der Beter verwandelten. Auch eine Lehrstunde in
hebräischer Sprache, die in der Synagoge nach vorheriger seelischer und
erzählerischer Einstimmung stattfand (Tgb. 16. Tag), bewies die Möglichkeit,
auch Stoffe von außen her in den Rahmen des Schullandheims einfügen zu
können.
Dass nicht nur Freuden-, sondern auch Trauertage für Kinder erlebnistief und
kindertümlich dargeboten werden kämen, zeigte der im Heim verbrachte
Tischah-Beaw mit aller Deutlichkeit (Tgb. 19. Tag).
Es wäre hier noch viel zu erzählen, von unserer Sabbatgestaltung, von
unserem Singen. Spielen, Wandern, von unserem ganzen dortigen Leben. Aber
dies würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Und ist auch gar nicht
Hauptzweck dieser Zeilen. Gebt selbst hinaus! Schickt eure Lehrer, eure
Kinder ins Schullandheim! Verschafft ihnen wundervolle Wochen voll
seelischem Reichtum, geistigem Wachstum und körperlicher Erholung! Sie
werden ein neues, inneres Kraftzentrum zur lustvollen Arbeit geschenkt
erhalten, werden euch zurückkehrend befruchten. Und mit uns den einen Wunsch
aussprechen: Nächstes Jahr von neuem ins Schullandheim!!" |
Berichte zu
einzelnen Personen aus der Gemeinde
Handelsmann
Abraham Petersberger aus Mühringen hat wertvolle Gegenstände verloren (1826)
Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den
See-Kreis" von 1826 S. 208 (Quelle: Stadtarchiv
Donaueschingen): |
Über den aus Mühringen stammenden Sozialistenführer
Karl Hirsch (1878)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 25. September 1878: |
| |
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 1. Oktober 1878: |
Erinnerung an die Auswanderungen im 19.
Jahrhundert - Grabstein für Jacob Neuhauser aus Mühringen in New Orleans
(1814-1896)
Anmerkung: das Foto wurde von Rolf Hofmann (Stuttgart) im April 1994 im 1860
eröffneten Hebrew Rest Cemetery in New Orleans, 2100 Pelopidas at Frenchman
Street, near Elysian Fields and Gentilly Blvd.,
aufgenommen
Grabstein im "Hebrew Rest Cemetery" in New Orleans
für
"Jacob Neuhauser
Born at Mühringen Württemberg
December 1814
Died Febr. 7, 1896" |
Raubmord an einer älteren jüdischen Frau
(1900)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 9. August 1900: |
Sally Schwarz wurde zum Leutnant befördert
(1916)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt"
vom 21. Juli 1916: |
80. Geburtstag von Alfred Nachmann
(1929)
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württemberg" vom 16. Dezember
1929: |
80. Geburtstag von Witwe Klara Steinharter
(1931)
Artikel
in der "Gemeinde-Zeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württemberg" vom 16. März
1931: |
75. Geburtstag von Hannchen Schwarz geb. Eßlinger
(1932)
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württemberg" vom 16. Dezember
1932: |
70. Geburtstag von Johanna Bach (1931)
Artikel
in der "Gemeinde-Zeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württemberg" vom 16. Mai
1931: |
Beitrag von Johanna Bach: "Wozu ein Chanukkaleuchter dienen kann"
(1928)
Artikel
in der "Gemeinde-Zeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württemberg" vom 1. Dezember
1928: "Wozu ein Chanukkaleuchter dienen kann.
Ein Schwabenstreich erzählt von Johanna Bach, Mühringen.
In der guten alten Zeit gab es in vielen Orten Männer, die durch chren guten
Humor sich den Namen 'Spaßmacher" erwarben. Der von Groß und Klein gekannte,
von allen geliebte und verehrte Spaßmacher, von dem ich erzählen will, hieß
,das rote Herschle', war von mittelgroßer Figur, sein gutmütiges Gesicht war
von einem roten Backenbart umrahmt, sein Haupt zierte ebenfalls rotes Haar.
Die blauen Augen blickten treuherzig in die Welt, und um die vollen Lippen
spielte meistens ein stohes Lächeln. Herschle Mandelstein trieb einen
kleinen Hausierhandel, von dessen Erwerb er sich und seine Frau 'Haiele"
ehrlich und redlich ernährte. Er war ein ganz kluger Kopf, gab den
Bauersleuten manche» guten Rat, wofür diese aus Dankbarkeit ihm von seinen
Kurzworen abkausten. Wer weiß, wenn sein Vater, der selige Reb Bär
Mandelstein, die Mittel gchabt hätte, Herschle gute Schulen besuchen zu
lassen, was noch tüchtiges aus ihm geworden wäre. Herschle aber war mtt
seinem Lose zufrieden und erzählte heiter und lustig seine Schnurren und
Witze und machte auch hiedurch sein Geschäft.
Es war ein heißer Sommernachmittag. Kein Wölkchen trübte den klarblauen
Himmel. Blumen und Gräser senkten ihre Köpfe, getroffen von den sengenden
Strahlen der Sonne. Die ganze Natur lechzte nach Regen. Kein Lüftchen regte
sich. Schleppenden Schrittes kam der mit Staub bedeckte, mit einem großen
Korb beladene Wanderer des Weges daher. Es war unser" |
Herschle
Mandelstein. Von Zeit zu Zeit setzte er den Korb zur Erde, wischte sich mit
seinem alten Taschentuch den triefenden Schweiß von der Stirne, um dann
seine Wanderung wieder fortzusetzen. Endlich winkte dort die Kirchturmspitze
des Dörfchens. Und nur noch wenige Minuten, und Mandelstein trat in das
Wirtshaus zum 'Löwen' ein, wo er ein bekannter und gern gesehener Gast war.
Die behäbige Löwenwirtin kam ihm freundlich entgegen. Nur wenige Gäste waren
im Wirtszimmer. 'So, Herschle, macht's Euch nur bequem', redete ihn die
Wirtin an, 'den Korb herunter. Gelt heut machts heiß?" 'Ja! Ja!", keuchte
unser Gast. 'Und Eure unaussteh- lichen Fliegen, die Ihr da habt", begann
Herschle, indem er sich vergeblich gegen die chm lästigen Mücken wehrte, die
chn wie aus Berabrttmng um- schwirrten, 'die g'salle mer net so arg". 'Da
habt Ihr recht, Mandelstein", entgegnete ein Bauer, 'Löwenwirtin, da müsst
Ihr Euch beim Herschle Rat hole, was da zu mache is dagege." 'Ja, Herschle",
nahm die Wirtin die Rede auf, 'soll Euer Schade net sein, wenn Ihr mir
helfen könnt, dass ich die Fliegen 'nausbring'. Alles, was ich dagegen tu,
nütz^ nichts.' 'Na, so laß mich zuerst doch ein wenig ausruhen", begann
lächelnd Mandelstein, uqd der Schalk blitzte ihm aus den Augen. 'Wenn ich
was getrunken und gegessen Hab', dann reden wir miteinander."
Als Herschele sich an einem guten Glas Bier und an zwei dicken langen Broten
erquickt hatte, ries er die Wirtin und begann: 'Scht, Ihr wollt so klug sein
und wißt das net e mal, was ich Euch jetzt sage? Wenn ich meinem Haiele den
Chanukkaleuchter anzünd', seht Ihr in meiner Stub' keine einzig« Fliege." —
'Was? Ist das wahr?" 'Freilich, Löwenwirttn, Ihr wißt doch, was ein
Chanukkaleuchter ist?" 'Natürlich weiß ich das. Es wohnt hier ja auch Jude.
Na, Herschle, so e leichtes Mittel", rief die Wirtin hocherfreut und dachte
weiter nicht darüber nach und kaufte dem Hausierer aus Dankbarkeit etwas
Ware ab. Als derselbe gesättigt und befriedigt die Wirtschaft verließ,
ertönte hinter ihm die Stimme der Wirtin: 'Herschle, is das au wahr, was Ihr
gesagt habt vom Chanukkaleuchter?" 'Ob's wahr ist", sagte schmunzelnd
Mandelstein, 'net um hundert Gulde könnt' ich in meiner Stub' e Flieg
kriege!"
Kaum war der Hausierer fort, schickte die Wirtin zu ihrem Nachbar Nathan
Rosenstein, er möchte chr doch seinen Chanukkaleuchter senden. Rosenstein
glaubte, es handle sich um eine Verhöhnung und gab den Leuchter nicht her.
Da ging die Wirtin, die auf freundschaftlichem Fuße mit ihrem Nachbar stand,
selbst zu ihm hin, er zählte ihn, alles und bat ihn, ihr doch den Leuchter
auf einige Stunden zu geben, damit sie durch das Anbrennen desselben die
lästigen unzähligen Fliegen los werde. Rosenstein verstand sofort des roten
Herschles Ulk. Um aber die Wirtin von der Richtigkeit der Sache zu
überzeugen, holte er seinen Chanukkaleuchter, und durch Zufall nannte auch
er unzählige Fliegen sein eigen. Er brannte die Lichter an. Natürlich zog
die Flamme die Mücken an, aber von einem Vertilgen war keine Spur,
höchstens, wenn sich eine der Flamme zu schr näherte. Das Gesumme- |
|
Beitrag von Johanna Bach in Mühringen über "Der Purim
am 17. Schewat" (1929)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 21. März 1929: "Purim am 17. Schewat. Von Johanna
Bach (Mühringen).
Beim Lesen dieser Überschrift ward wohl mancher Leser oder manche Leserin
das Haupt schütteln und am Ende denken, sie sei ein Produkt des
Druckfehlerteufels. Dem ist aber nicht so! In vielen jüdischen Gemeinden in
der Türkei wird am Abend des 16. Schewat, der dort ein Fasttag ist,
die Megillah vorgelesen und der folgende Tag wird als Freudenfest gefeiert.
Der Grund dieser Feier ist folgende Begebenheit: Im 15. Jahrhundert
herrschte in der jüdischen Gemeinde zu Saragossa die Sitte, dass die
Gemeinde den Geburtstag des Königs feierte, indem die Gemeindeältesten mit
den Torarollen vor dem Palaste erschienen und an dessen Pforte von dem
Landesvater empfangen wurden. Der Oberrabbiner sprach den bei uns Juden
üblichen Segen beim Anblick von gekrönten Häuptern.
Die Tora war in jener Zeit nicht um hölzerne Rollen gelegt, sondern in
Futterale gesteckt worden, auf deren Spitze eine silberne Krone ruhte.
Bei diesem Huldigungszuge wurden nun stets nur die Futterale genommen; die
Tora selbst ließ man im Gotteshause. Wieder einmal — es war im Jahre 1420 —
nahte das Geburtsfest des Königs. Einige Tage vorher war ein Festbankett und
der Landesfürst sprach sich bei dieser Gelegenheit in anerkennenswerter
Weise über seine jüdischen Untertanen aus, die es nie versäumten, ihm ihre
Liebe und Verehrung zu zollen. Ein getaufter Jude, namens Hasim Sciami,
der zu den Ratgebern des Königs zählte, war Zeuge der huldvollen Äußerungen
des Königs über die Juden, und es schmerzte den Renegaten, die Träger der
Religion, die er verlassen, geehrt zu wissen. Er entgegnete dem König, dass
er sich täusche, alle Liebe und Verehrung der Juden sei nur Heuchelei und er
könne Seiner Majestät auch den Beweis dafür geben. Am Geburtstage solle der
Landesherr die Torarollen besichtigen, und dann werde er sich überzeugen,
dass die Juden nur die Futterale trügen, die eigentliche Tora aber im
Gotteshause lassen, um sie nicht durch den Anblick eines christlichen
Fürsten zu entweihen.
Wie oft schon haben Verleumdungen willige Ohren gefunden — so auch hier. Der
König beschloss, an seinem Geburtstage sämtliche Juden des Reiches töten zu
lassen.
In der Nacht vor dem Geburtstage des Königs erschien dem damaligen
Gemeindediener Ephraim Baruch der Prophet Elia im Traume und teilte ihm das
traurige Schicksal mit, das den Juden bevorstand, und das nur dadurch
abgewendet wäre, wenn die Thorarollen in die Futterale gesteckt würden. Er
sollte dies unverzüglich tun.
Baruch schenkte dem Traum keine Beachtung und schlief weiter. Da erschien
ihm der Prophet zum zweiten Male und ermahnte ihn dringend, seinen ihm
gegebenen Auftrag sofort auszuführen und gegen jedermann tiefstes
Stillschweigen zu bewahren. Nunmehr stand Baruch auf und führte den Befehl
des Gottesboten aus.
Am anderen Tage, als die jüdische Gemeinde, an der Spitze der Rabbiner, und
die Gemeindevorsteher mit den Torarollen vor dem Landesfürsten erschienen,
wurden sie sehr ungnädig empfangen und es wurde ihnen eröffnet, der König
habe Kenntnis erhalten von dem heuchlerischen Treiben der Juden, die mit
leeren Futteralen vor ihm erschienen, um ihn zu verhöhnen. Zur Strafe
sollten an diesem Tage alle Juden seines Reiches getötet werden. Die Juden
waren starr vor Schrecken.
Der König rief seine Diener, um die Futterale gewaltsam zu öffnen: doch wer
beschreibt die allseitige Überraschung, als beim Öffnen der Futterale die
Torarollen sichtbar wurden! Heiße Dankgebete stiegen aus den angsterfüllten
Herzen der Juden zum Allmächtigen empor.
Nach diesem Beweis nahm der König seinen Blutbefehl zurück und ließ statt
der Juden seinen Minister sofort enthaupten.
Da diese Begebenheit sich am 16. Schewat zugetragen hat, so bestimmten her
Rabbiner und die Weisen von Saragossa, dass dieser Tag als der Gedenktag der
Rettung der Juden stets in der Gemeinde gefeiert werdest solle und der Tag
vorher als Fast- und Bußtag zu begehen sei. Nach der Vertreibung aus Spanien
haben dann die Juden Saragossas diesen Brauch in ihre neue Wohnsitzes bis
'hinein, weit in der Türkei' mitgenommen und jahrhundertelang getreulich
bewahrt." |
Beitrag von Johanna Bach über die "Seelenfeier"
(1930)
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württemberg" vom 1. Oktober
1930: "Seelenfeier. von Johanna Bach. Mühringen.
Andächtige Stille! Heiliger Schauer durchbebt unser Innerstes. Betende
Männer und Frauen. die sonst nie den Weg ins Gotteshaus finden, füllen bist
auf den letzten Platz die geweihte Stätte in dieser Stunde, um derer zu
gedenken, mit denen sie durch die innigsten und tiefsten Beziehungen im
Leben verbunden waren. Woher du-« "in-- eigentlich -t.immt. der
Rnhingeschie- di uen im f .««tte-dien-t zu gedenken, i-t n««h uh ifgi-kliirt.
Aber da- w i—en wir. «lall es dem \|.• n-«*i « :;i li, tjürfni- i-t. der I
»teil in foier- Iit-! . r Wi i-e zu gech-nkeii. Im zweiten Bu«h der W.i s
s.iImi t. in den letzten Sitzen de- Id. Kapitel-. II«: einer -ilihen Keier
Krwiiliniing getan. Noch - , ".gen iiln-r die Syrer ließ Juda Wakkabi .Jali
‘ n,-> v. d. g. 7 . den lempel neu ein-'•■ lian. I litt : z.dllreilhi'n
Kämpfen wogte der K:i« g weite:, und iilu i eine «lern -vri-chen iehl- t.i
ii'i (ioigias geh« f«'rt<* Schlacht wird an jener Siilf. In !'icht«-t. Dann
wandten Juda und -eine I ent" -in: ztini Debet«' und flehten. «lall die > »n
n t ,rf:dl«'ii"ii bi-gangene "linde gänzlich ver- . I.« I, - i:; möchte.
Juda at>ei ermahnte «lie W« -ich nir di r Sünde zu hüten. Durch eine ' ui i
dinig nt« I den Leiiti'n «'rliielt > I dtllKMl Izt-ohm« i. «lie er n,nh Ji
rn-alem -andte. um für die Sünde ein Opfer darzubringeu. Kr wollte hiermit
auf die Auferstehung hinweisen. denn nach seiner Auffassung mußten die
Gefallenen auferstehen, sonst hätte es keinen Zweck gehabt, für die Toten zu
beten. Durch die Sühne für die Toten sollten sie von ihrer Schuld erlöst
werden. Ans diesem Bericht heben sich drei Bestandteile der .Seelenfeier
heraus, die sich bis heute erhalten haben: Gebet für das Seelenheil der
Toten, frommé Spenden für ihre S+nden und Anrede an die versammelte Menge..
Die Seiten der jüdischen Geschichte füllen zahllose Namen der Märtyrer, die
im Kampfe für Gott und seinen Glauben in den folgenden Jahrhunderten
gefallen, und auch ihrer wurde in gottesdienstlicher Andacht gedacht.
Hieraus entstand die Sitte, dass auch derjenigen im Gottesdienst gedacht
wurde, die dem Betenden im Leben nahe gestanden. Urkunden aus dem 9.
Jahrhundert berichten schon von einer Seelenfeier. Im Torath Kohanim, dem
älteren halachischen Midrasch zum 3. Buch Moses, finden wir die Stelle: 'In
dem Satze der heiligen Schrift: Sühne dein Volk Israel, das du erlöst hast,
o Ewiger!“ ..Sühne dein Volk Israel“, damit sind die Lebenden gemeint, und
..da- du erlöst hast“ die loten. Daran- i-t zu entnehmen, «lall die Lebenden
die loten erlö-en können. Darum gedenken wir der Toten am Versöhnungstage
und geloben Spenden für ihr Seelenheil. Fromme K nt schlösse und fromme
Spenden, «lie in der Stunde der Seelenfeier gelobt werden, sollen den
segenbringenden Einfluß der Verstorbenen auf ihre Kinder herbeiführen.
indem sie dieselben über «las Grab hinan- /u frommen Werken und guten laten
\er- a nlas-en." |
Zum Tod von Jakob Schwarz (1934)
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württemberg" vom 1. Dezember
1934: |
Weitere Dokumente
(aus der Sammlung von Peter Karl Müller, Kirchheim / Ries)
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